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Die eigenen vier Wände. Wohnen als Erinnern

 

2 Öffnen und Schließen

 

Der Raum des Wohnens ist das von Wänden fest Umschlossene, mit einer Decke über dem Kopf und einem Boden unter den Füßen. Es ist in unserem Kulturkreis fast immer ein orthogonal gerichteter Raum, der die Ordnung des architektonischen Gefüges spiegelt und unsere Wahrnehmung bestimmt. Zwar sind auch organoide Räume mit unregelmäßigen ›weichen‹ Wänden und Decken in sphärischer Form vorstellbar, aber sie finden sich selten. Der strenge Rundbau mit Kuppel hat eher sakralen Charakter und stellt eine ebenso ausgeprägte geometrische Form wie der Rechteckbau dar. Allerdings taucht das Höhlenmotiv verdeckt in vielen Details der Nutzung, Ausstattung und Interpretation unserer Wohnungen auf; das ›gemütliche‹ Zimmer ist oft so eingerichtet oder dekoriert, daß es wie eine Höhle wirkt, wobei die Starrheit des rechten Winkels gebrochen erscheint. In den vollgestellten, mit Teppichen und Vorhängen, Kissen und Decken anschmiegsam gemachten Wohnungen vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur schwellenden Üppigkeit trivialer Postmodernismen überkreuzen sich biologisch-anthropologische und kulturelle Erinnerungsmuster.

 

 

Wand

 

Hierzulande ist die Wand lotrecht aufgemauert, herrscht der rechte Winkel. Das gibt den Innenräumen ihre unerschütterliche Festigkeit, deren Fundament in der Tradition des Historischen ruht. Der orthogonale Raum ist uns so selbstverständlich, daß wir selten nach Alternativen fragen. Die Wand ist ein im Wortsinne tragendes Element dieser Selbstverständlichkeit, zugleich ein symbolisches. Sie unterscheidet radikal zwischen dem Außen und dem Innen, indem sie zwei Seiten hat – die der Aus- und die der Einschließung. Man kann sich immer nur auf einer dieser beiden Seiten befinden. Vor der Wand macht jemand halt, oder etwas oder jemand wird an die Wand gestellt. Das wandumschlossene Innen kann als Schutzraum oder Gefängnis wahrgenommen werden. Wände markieren die festen Grenzen des Raumes. Wand ist das architektonische Gliederungsprinzip schlechthin, das den Grundriß in die Vertikale projiziert und damit jene unüberwindliche Binnenstruktur der Wohnung schafft, die nur durch das ›Herausreißen‹ von Wänden, also einen Gewaltakt, verändert werden kann (den die ›tragende Wand‹ schon verhindert). In-seinen-vier-Wänden-leben setzt einen orthogonalen Grundriß voraus, der die Beweglichkeit einschränkt; aber auch sich in einem Rund- oder Kuppelbau bewegen heißt immer, sich mit spezifischen Begrenzungen des Raumes abzufinden. Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-wollen oder gegen-eine-Wand-rennen bedeutet immer Gewalt gegen sich selbst. Mit-dem-Rücken-zur-Wand-stehenheißt, gestützt zu werden und sich den Rücken freizuhalten, aber schon in auswegloser Situation, ohne weitere Rückzugsmöglichkeiten, so daß nur noch das Agieren nach vorn möglich ist. Die Erfahrungen mit dem begrenzten Innenraum stülpen sich sprachlich über unsere psychisch-sozialen Reaktionen.

Die Wand ist das Undurchlässige, Hindernis wie Schutz, Stütze oder Riegel. Mauern lassen nichts herein. Wände – ob gerade oder gekrümmt – als das Um-uns, die Decke als das Über-uns, der Boden als das Unter-uns definieren den Innenraum, in dem wir uns bewegen. Manche Wohnungen sind am schönsten im Zustand der Leere, das heißt, wenn sie nur aus dem wandumschlossenen Raum bestehen, der sich mit Projektionen füllt, ohne daß dauernd Möbel gerückt werden müssen oder uns der Wunsch einholt, den ganzen Besitzplunder wegzuwerfen, um endlich im Raum unbeschwert atmen zu können.

 

Der leere Raum der vier Wände hält außer seiner primären Definition des voluminösen An-Sich alles Weitere offen. Ein leerer Raum fordert Anwesenheit des Körpers und die Kraft der Phantasie. Allerdings hat über die Jahrhunderte ein horror vacui das Wohnen erfaßt. Das Ausdifferenzieren von Einzelräumen mit abgetrennten Funktionen, die Intimisierungstendenz, das Ansammeln von Gegenständen des täglichen Gebrauchs, das Aufkommen einer umfangreichen Möbelkultur haben neben der städtischen Enge mit Wohnungsnot und dem industrialisierungsbedingten Zusammenleben vieler auf engstem Raum dazu geführt, daß der einst karg ausgestattete Innenraum sich zunehmend füllte. Als die mittelalterlichen Hofhaltungen noch von Pfalz zu Pfalz zogen, gelangte der Troß immer wieder in weitgehend leere Räume und brachte das notwendige Mobiliar mit. Heute erlebt man den Raum der eigenen Wohnung nur bei Ein- oder Auszug oder beim Tapetenwechsel.

 

Dann gibt es Momente, in denen der vertraute Raum sich in seiner skulpturalen Nacktheit zeigt. Er wirkt wie eine Zelle, ein Behältnis, eine leere Bühne. Nicht zufällig finden meditative Praktiken, ehemals im Kloster, heute übernommen aus fernöstlichen Kulturen, in fast leeren Räumen statt. Stille und Licht können den Raum zwischen den vier Wänden so bedeutsam füllen, daß ein Hocken oder Sitzen darin zur genußvollen Beschäftigung wird. Donald Judds Kistenobjekte oder Franz Erhard Walthers Wandstücke nutzen das Motiv der Schließung oder Öffnung von Räumen für die künstlerische Erfahrung. Die Einhardsbasilika in Michelstadt, ein bescheidener karolingischer Bau, wirkt eindrucksvoll als leerer, stiller Raum der Umschließung, nicht als demonstrative Geste nach außen oder oben.

 

 

Saal und Kammer, die beiden Raumtypen der feudalistischen Ära, waren manchmal gleich groß oder klein, aber sie wurden niemals mit Möbeln vollgestellt, sondern boten die Umgrenzung eines mit sozialen Bewegungen gefüllten Raumes. Der leere Raum definierte sich aus der Choreographie sich darin bewegender Menschen, der Verrichtungen und Interaktionen, die darin stattfanden. Sich zwischen vier Wänden bewegen heißt noch heute, sich selbst als Körper im Raum zu definieren, eine Befindlichkeit zu produzieren. Die Wand ist das Gegenüber von unerschütterlicher Festigkeit. Heute sind die Wandflächen meist zugestellt, obwohl es seit der Binnendifferenzierung des Wohnens viel mehr Wände gibt – feste und bewegliche. Die moderne Regalwand ist ein Kompromiß zwischen Beweglichkeit (manchmal auch Transparenz) und Unverrückbarkeit der Abgrenzungen im Innenraum. Sie wird als ›Raumteiler‹ etwa in der Art verwendet, wie in sala oder camera kleine Extraräume durch Vorhänge abgetrennt werden konnten. Meist wird sie so rasch nicht mehr abgebaut oder umgesetzt, so daß sie gerade in kleinen Wohnungen die Funktion dauerhafter, wandartiger Untergliederung übernimmt.

Erst die Vermehrung von Wand-Stellflächen im Zuge der Aufteilung des Wohnfeldes in mehrere Räume hat zu aufrechtstehenden hohen Kastenmöbeln geführt. Sie säumen nun nicht mehr als niedrige Truhen das Bett, sondern stehen als Schränke an der Wand. Heute betont die Wandstellung vieler Möbel noch einmal die feste Umschließung; sie bilden einen Cordon um die Wohnenden, ehe der Blick zur Wand vordringt, die, von Schränken und Bücherregalen vollgestellt, wie verdoppelt wirken kann. Damit bekommen die Öffnungen des Raumes besondere Funktion und Bedeutung. Tür und Fenster sind die durchlässigen Begrenzungen des Raumes. Ihre Funktionen sind so alt und allgemein, daß sie zugleich symbolische, ja metaphysische Kategorien bezeichnen können. Tür und Fenster markieren Grenzlinien und meinen die Grenzüberschreitung im faktischen und übertragenen Sinne. Durch eine Tür gehen, durch ein Fenster sehen sind vieldeutige Akte.

 

Tür und Fenster durchbrechen die Wände des Hauses als Öffnungen zum Schließen oder Schließungen zum Öffnen. »Beides sind Verbindungsglieder, die die Welt des Drinnen zu der Welt des Draußen in Beziehung setzen. Aber beide leisten diese Aufgabe in einer sehr verschiedenen Weise.«
(Bollnow 1963, S. 154)