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Denken im Design 1

Ungehorsam der Probleme

JÖRG PETRUSCHAT

 

2017, 96 Seiten, Klappenbroschur, 16 x 24 cm, 65 Zeichnungen


ISBN 978-3-935053-99-0

Preis 14,80 Euro

Der erste Beitrag des Bandes – »Wicked Problems. Einige Bemerkungen zum Design als Forschung« – basiert auf einem Vortrag von 2011. In kritischer Absetzung zum planungs-

theoretischen Terminus der »bösartigen Probleme«, den Horst W. Rittel in die Debatte gebracht hatte, beschreibt der Autor die Besonderheit der Vorgehensweise von Designer*innen in komplexen Entwurfs- und Entwicklungs-

prozessen. Er klärt auf, warum und in welcher Weise gerade das designerische Handeln geeignet ist, der dramatisch wachsenden Komplexität unserer Wirklichkeit souveräner zu begegnen. Dabei trifft er Aussagen zur Leistungs-

fähigkeit gestalterischen Vermö-

gens, schlägt vor, wie Vermittlungen zwischen kulturellen und ästhetischen Prozessen modelliert werden können und entwirft nebenher Grundrisse einer Prozess-

theorie des Designs, in der nicht die Idee, sondern die Kritik und Auf-

klärung von Frustrationen am Beginn des Entwurfshandelns stehen. Auch endet das Design nicht mit der Herstellung von Erzeug-

nissen oder der Instanziierung von Prozessen, sondern in deren kritischer Aneignung und Nutzung.


In »Das Leben ist bunt. Einige Bemerkungen zum Entwerfen« erörtert Petruschat einige seiner zentralen Begriffe – Gestalt, Form, Information, Kreativität, Bewusst-

sein und Komplexität – in ihrem Zusammenhang. Er entwickelt dabei eine »Phylogenese des Vorstellungs-

vermögen«, zeigt, wie in evolutio-

nären Prozessen überhaupt das Spiel mit Möglichkeiten entsteht und differenziert zwischen einem Konzept von Kreativität als Basis jeder bewussten Lebenstätigkeit und einer Kreativität, wie sie zum Regelbruch und beim Entwurf zur Wirkung kommt.

Im umfangreichsten und mit zahl-

reichen Zeichnungen illustrierten Beitrag »Routinen und ihre Über-

windung. Einige Bemerkungen zur Evolution von Formen« werden Erkenntnisse und Theorien aus Anthropologie, Physiologie, (Wahrnehmungs-)Psychologie, Kunstgeschichte und Technik-

philosophie verknüpft, zum Teil in enger Korrespondenz zu exempla-

rischen Artefakten aus der Wissen-

schafts-. und Designgeschichte. In diesem Aufsatz entwickelt Jörg Petruschat einen Begriff von Gestaltung, der das menschliche Gestaltungsvermögen mit einer Naturgeschichte der Formen verbindet. Er setzt sich dabei kritisch von vulgär-darwinistischen Evolutionsvorstellungen ab und arbeitet die Wirkung der Verhaltens-

dimension bei der Evolution von Formen heraus. Jörg Petruschat spricht dabei von Mitwelt und grenzt sich kritisch gegen Organismus-

konzepte ab, die nach der Figur des Egoismus auf einer bloßen Gegenüberstellung zur Umwelt oder zu anderen Akteuren beruhen. Damit wird ein Erklärungsmodell vorgelegt für das Entwerfen von Zusammenhängen, in denen biologische Existenzformen und menschliche Verhaltensfiguren wechselseitig miteinander verschränkt sind. In diesem Text wird menschliches Gestaltungs-

vermögen als ein universeller Reproduktionszusammenhang von Formen und ästhetischer Erfahrung vorgestellt.