s_fz1klein.jpg

 

form+zweck 1

Ökologie und Design

 

 

Alfred Hückler

Design contra Abfall

 

1. Vorbemerkungen
»Design« ist in diesem Verwendungszusammenhang ein Verständigungswort für das Entwerfen (Konzipieren, Lösungen entwickeln, Gestalten) von Prozessen nach Gesichtspunkten des umfassenden Gebrauchens. Das Gebrauchen betrifft den menschenbezogenen Anteil der Kommunikationsfunktion eines Industrieerzeugnisses. Gebrauchen im engeren Sinne ist das nutzungsorientierte Betätigen und Betrachten. Dabei ist der Nutzen sowohl von materieller als auch ideeller Natur. Design gestaltet Beziehungen; Beziehungen des Gebrauchers zum Erzeugnis, Beziehungen im und am Erzeugnis und Beziehungen zwischen Erzeugnissen sowie zwischen diesen und dem Umfeld und der Umwelt. Damit wird schließlich der Gebrauch organisiert und technisch gelöst, die Gebrauchsanforderungen der Leistungsfähigkeit des Gebrauchers angepaßt und das Gebrauchen sinnhaft/sinnlich erlebbar, somit ästhetisch gestaltet. Philosophisch betrachtet sich das Design dem emanzipatorischen Streben des Menschen verpflichtet, soweit es sich in Gebrauchswerte der industriellen Erzeugnisse umsetzen läßt. Industrie-Design zielt dabei zuerst auf die gegenständliche Alltagskultur.

Abfall ist nicht verwertbarer Überschuß an Stoff, Energie, Information, Raum und Zeit. Üblich ist es, das Vermeiden von Abfall nur für Werkstoff und Energie anzumahnen. Indessen sollte das Vergeuden von Raum durch Erzeugnisse und ihren erforderlichen Entfaltungs-Spielraum nicht vergessen werden: Raum heißt schließlich immer Lebensraum, der durch Produkte und das zugehörige Gebrauchszeremoniell immer weiter eingeengt wird. Auch der Überfluß an nicht verwertbarer Information ist im direkten Sinne des Wortes unübersehbar, von den materiellen Trägern der Informationen ganz zu schweigen. Darin eingeschlossen ist die ästhetische Information, so daß uns auch eine ästhetische Umweltverschmutzung unser Lebensmilieu verseucht. Und der Raub an Zeit - Lebenszeit - durch überschüssiges und überflüssiges wurde bisher kaum angeklagt.

Der Abfallbegriff soll hier so verstanden werden, daß nicht nur der durch Erzeugnisse hervorgebrachte Abfall - Produktabfall -, sondern, von mir betont behandelt, die Erzeugnisse selbst als Abfall durch Aussondern gelten - Abfallprodukte -.

2. Abfallprodukte
Leider verstärkt sich derzeit eine Strömung innerhalb des Design, die das ökologische Sterben durch moralisch immer schneller verschleißende Industrieerzeugnisse beschleunigen hilft ... Tendenzen der Vermodung, Verkunstung und der vordergründig unterhaltsamen Form dienen einem zunehmend häufigeren Ablösen der Produkte durch ästhetischen Verschleiß: ideelle Vermüllung heißt das. Wer das Gegenteil will, muß das Design funktionalistisch orientieren, wie es nach wie vor und gerade langfristig erfolgsbewußte Unternehmen tun. Doch wirksam kann dieses Design nur im Rahmen einer Design-, Technik-, Produkt- und Firmenphilosophie werden, die dem wirklich Gebrauchten und Brauchbaren verpflichtet ist.

Doch, um Abfall primär zu vermeiden, sind auch bei diesen derart gestimmten Unternehmen Umbrüche unausweichlich. Das heißt neben dem Herstellen langlebig konzipierter Erzeugnisse letztlich immer auch Produkt- und damit Produktionsverzicht. Damit verbundene und überhaupt ökologisch zwingende Benachteiligungen der Produzenten werden sicher nicht durch moralische Anerkennung auszugleichen sein. Ohne einerseits die Konsumenten aller Art über »vernünftige Bedürfnisse« aufzuklären, die mit unserem biologischen und sozialen Überleben zusammenhängen, und andererseits durch das Schaffen neuer Mechanismen von Gewinn und Verlust, Stichwort: Profit durch ökologische Entlastung, wird es nicht gehen. Vom Design her wird dieser Wertewandel ästhetisch unterstützt werden müssen. Die ästhetische Funktion eines Industrieproduktes zielt darauf, eine positive Einstellung und Stimmung dem Erzeugnis und seinem Gebrauch gegenüber in einem übergeordneten Zusammenhang zu bewirken. Das geschieht, indem durch den Formausdruck miteinander verbundene Wesen, Wert und Genuß vermittelt werden. Vor allem die Wertvorstellung des Gebrauchers prägt das ästhetisch bewertende Vorurteil. Hier muß der wesentliche Ansatz liegen, von einer solchen High-Tech-fanatisierten Wertvorstellung wegzukommen, die durch ökologisch schädliche Verfahren so artistisch gediegen mit ebenso umweltschädigenden Werkstoffen ästhetisch wirksame Präferenzen herausgebildet hat. Die Einstellung und Stimmungslage muß zu tiefgreifenden ökologisch verträglich geprägten werkstoff- und verfahrensbedingten und anderen Formkonsequenzen führen. Mit der ästhetischen Zurückhaltung gegenüber einer ökologisch bestimmten Werkstoffwahl haben wir bereits Erfahrungen durch den Einsatz von Sekundärwerkstoffen; das Umweltpapier ist ein Beispiel, an dem jeder dieses Problem überprüfen kann. Hier kommt es auf psychologisch sorgfältige Argumente an. Das Einführen der Kunststoffe (Plaste) hatte seinerzeit erheblich unter dem angeblichen, vorlaut verkündeten Makel der »Ersatzstoffe« bis in unsere Tage gelitten. Ähnlich könnte es mit den verrottbaren Werkstoffen werden, falls sie als unedel, hinfällig und wertlos propagiert werden. Nicht ganz so schwerwiegende Vorbehalte sind bei recycling-gerechten Konstruktionen zu erwarten. Hier allerdings gibt es immer noch erschreckend wenig Experimente und Vorlauf und nicht nur hinsichtlich der ästhetischen Konsequenzen...

Das menschenfreundliche Design wird überprüfen, ob ein Produkt überhaupt notwendig ist, um damit Abfälle a priori zu vermeiden, oder im Falle, wenn es notwendig ist, es dauerhaft brauchbar, also langlebig zu gestalten. Weniger Erzeugnisse - weniger Abfall, kein Erzeugnis - kein Abfall. Dieses Axiom ist nicht trivial. Es ist die so schwer auszuführende, einfach klingende Anweisung, das Abfallproblem grundsätzlich zu lösen. Wenigstens dann ist es schwierig, wenn das Nullwachstum als ideologischer Popanz ausgeschlossen bleiben soll, wir müssen schon verbindlicher werden ... Der Prozeß, oder vollständiger, der Verwendungszusammenhang (Kontext) bestimmt bzw. definiert ein Erzeugnis, um ihn zu gewährleisten. Ein ideales Erzeugnis ist die vergegenständlichte Menge der Umweltbeziehungen, welche es definieren.

 

... lesen Sie weiter in form+zweck 1: Ökologie und Design ...