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form+zweck 1

Ökologie und Design

 

 

Jörg Petruschat

Editorial

 

Eine festummauerte Zivilisationsdomäne in der Landschaft - so unser Bild von den Ersten Städten trojanischer Zeit. Inzwischen wissen wir: sie wuchsen auf ihren Abfallschichten in die Höhe. Diese Unterordnung der Entwicklungsbedingungen unter ein gemeinschaftliches Leben hat aus heutiger Sicht etwas sehr Kindliches - der Blick zurück ist eine Mischung aus Romantik und Zynismus. Heute läuft Vermüllung in den Formen der Verdrängung und der Vernichtung: das neue Produkt ermordet seine Vorgänger, Trendsetting ersetzt die Gewohnheit, die Neuigkeit die Erinnerung, die Halde die Landschaft, die Dinge verdrängen den Raum oder die Zeit - sprich Mobilität - vernichtet ihn.
Die folgenreichste menschliche Erfindung ist der Mülldeckel. Ein ungarisches Markenmodell zum Treten heißt »Servus« und bringt die Erfindung auf den Kern: Verschwinden durch Verdecken. »Duck and cover!« - Losung des amerikanischen Zivilschutzes beim Atomschlag. Die Kinder unter die Schulbank, der Lehrer hinter die Wand, der guten Frau hilft eine Plastiktüte und dem braven Bürger sein »Pittsburgh Chronicle«. Das war in den fünfziger Jahren. Covering heute sieht anders aus, reicht vom Wildwuchs über Giftgashalden bis zur harten Schale für den ach so weichen mentalen Kern. Zur dinglichen und räumlichen Verdrängung tritt die psychische - ein Grundmuster unserer Alltagsästhetik. Die Bewältigungsformen dafür sind quasireligiöse Reminiszenzen an die Vorzeit - der Glaube an die Vernunft des Verbrauchers, der blaue Umweltengel als Heilsbringer und Tröster in den Nöten des unkontrollierbaren Konsums, Entschlackung von Körper und Seele durch Wunderarmbänder und Meditation - Wirf den Frosch doch an die Wand! Auch für die Unverbesserlichen, die nicht an den Glauben glauben, sondern an die industrielle Beherrschbarkeit, gibt es ein Zauberwort: Recycling.
Präsentiert in wissenschaftlichen Abhandlungen, die Regale füllen, erscheint Recycling als Ausweg mit historischen Traditionen - und verdeckt das Gewöhnlichste der modernen Welt: den immer schnelleren Umschlag von Stofflichkeit und von Bedeutungen.
Während Remakes im Unterhaltungssektor von Popmusik und Architektur jenseits von Erinnerung die Profite verlängern, erzählen Kindercomics bereits Recyclingwitze: »Warum hast Du ein blaues Auge?« - »Ich hab' mir einen neuen Bumerang gekauft.« - »?« - »Den alten habe ich weggeworfen...«
Seit Jahren mühen sich Gestalter, schließbare Stoffkreisläufe bei Produktentwürfen zu konzipieren. Die Erfahrung: ohne komplexe Handlungsansätze ist dem Problemkomplex Recycling nicht beizukommen. Tröstend die Verweise, daß Autos (sic!) und Fernseher (sic!) endlich nach Kriterien von Stofftrennung und Demontierbarkeit zusammengebaut werden sollen. Von derlei wird im folgenden nicht berichtet, wohl aber von der Situation und den Vorstellungen von Designern, die sich dem Recycling-Thema stellen. Unser Thema sind Ansätze, die sich von nur technisch-technokratischen Lösungen abheben. Wir glauben, daß die kulturellen Erneuerungsschübe verzögert und begrenzt werden, Gebrauch und Gewohnheit rezirkulieren, Stofflichkeit und Bedeutungen dauerhafte Verbindungen eingehen sollten und abgehoben werden können von nötigen Wechseln. Nicht nur einzelne Produkte können als offene Systeme mit langlebigen, mittelfristigen und kurzlebigen Komponenten gestaltet werden, die Umwelt als Ganzes ist nach solchen Prinzipien untergliedert. Ihre zyklische Totalersetzung wäre nur ein Geschichtsdeckel mehr. Der Energiefluß bliebe trotz allem Recycling linear gerichtet - verkünstlichte Beatmung der Moderne. Gelingt es nicht, die Energie dem Leben zurückzugeben, anstatt es unter ihrem Auswurf ersticken zu lassen, droht sich das Schicksal des späten Roms global zu wiederholen - das Ineinanderfallen von Triumph und ingeniös gestalteter Kloake.