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Ökologie und Design

 

 

Thilo Hilpert

Eine Stadt ist eine Stadt ist eine Stadt

 

Der Ballungsraum Frankfurt/ Main gehört zu den 30 »World- Cities«: neben den Agglomerationen London, Paris, Rotterdam, Zürich auf dem Kontinent und anders als traditionelle Weltstädte wie Berlin - bilden sie untereinander vernetzte Knotenpunkte einer sich neu strukturierenden globalen Ökonomie. In Frankfurt ist die Arbeitsmarktstruktur originär sein: Dienstleistungs- und Hochleistungstechnologie mit besonders ausgeprägter Flexibilisierung der Lebensweise, einer Auflockerung »starrer Zeit« und Neustrukturierung der Lebens- und Organisationsprinzipien. Ist diese postfordistische Perspektive städtebaulich regulierbar? Ein langfristiges Forschungsprojekt, das seit August 1989 am FB Architektur der FH Wiesbaden unter Leitung von Prof. Thilo Hilpert läuft, entwirft anhand eines Frankfurter Entwicklungsgebietes - dem Osthafen - ein Szenario von zukünftiger Stadt. Bisherige Entwürfe blieben, gemessen an der langfristigen Relevanz dieses Areals für die Dynamik der Stadtentwicklung, nur ausschnitthaft und im Stadium von Teilaussagen, die den Zusammenhang der Stadt und ihre Zukunft ausblendeten. Der Entwurf für die Gestaltung einer zukünftigen Stadtstruktur wurde dabei nicht am Plan, sondern 3-dimensional am Modell erarbeitet, das Modell mit einer miniaturisierten Kamera abgefilmt und in einem Videofilm verbunden, der einen realistischen Eindruck aus der Perspektive eines Fußgängers vermittelt. Neben der Suche nach einer postfordistischen Perspektive für die Stadt, geht es bei diesem Projekt auch um eine qualitative Weiterentwicklung der Simulation am Städtemodell: weg von einer nur auf Kontexte beschränkten und hin zur »urbanen« Simulation von Stadtstrukturen, weg von bloßer Illustration hin zur »konzeptionell-planerischen« Simulation. Wie auch immer die Diskussion zum Osthafen verlaufen mag - die weitere Entwicklung Frankfurts in diesem Gebiet entlang des Mains ist ein Jahrhundertprojekt. Langfristig wird entscheidend sein, wie es gelingt, einzelne Bauprojekte in ein Rahmenprojekt einzubinden, das Vorstellungen über neue Wohnformen, neue urbane Dichte, Mischung von Wohnen und Arbeiten formuliert. Wir sprachen mit Thilo Hilpert über Möglichkeiten von Städtebau heute sowie Über das konkrete Projekt.

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Du sprichst von postfordistischer Stadt und meinst den Entwurf in einer Stadt, die eine Metropole ist - ist das ein postfordistisches Motiv: die Stadt in der Stadt?

Hilpert
Wenn ich von postfordistischer Stadt spreche, dann nicht, weil dieser Begriff originär aus der städtebaulichen Diskussion wäre. In der sozialwissenschaftlichen Literatur inzwischen verbreitet, ist das wohl erst einmal ein Sammelbegriff zur Erfassung einer Reihe von Veränderungen in Produktion und Lebensweise, deren Ausmaß und Auswirkung für das städtische Leben nicht genau abschätzbar sind, aber in einer Stadt wie Frankfurt mit ihrem hohen Anteil des Tertiären Sektors bestimmend sein werden. Es hat mich verwundert, daß seit etwa drei bis vier Jahren in der Literatur dieser Begriff aufgekommen ist, um neuere gesellschaftliche Entwicklungstendenzen zu kennzeichnen: weg von den Mustern des Großbetriebes mit strikt reglementierter Arbeitszeit, Rationalisierung der Arbeitsprozesse und des Freizeitverhaltens, also wie es das Wort sagt, Henry Ford und seine ganze Industriekultur. Verwundert, weil nach meinem Gebrauch der Begriff noch eine andere Bedeutung hatte, die mit meiner Kritik am Städtebau der Moderne zusammenhing.

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Was kritisierst Du?

Hilpert
Als ich mich vor 15 Jahren in geduldiger Kleinarbeit in die realen städtebaulichen Leitbilder der Moderne, der CIAM, der Charta von Athen hineinarbeitete, war die Identifikation des fordistischen Organisationsmodells im Hintergrund der Moderne ein zentraler Punkt; eine lange und für die Architekturtheorie hierzulande wohl zu sperrige Kost! Der Nachweis, daß die Unangemessenheit in den Siedlungsstrukturen der Moderne auch für die industrielle Großstadt aus dem kurzschlüssigen Anschluß an diese betrieblichen Organisationsmodelle herrührte, dem Nachmodellieren und Nachrationalisieren der Stadt nach dem Modell eines in dieser Periode für besonders erfolgreich gehaltenen Organisationsmodells - also Zonierung und Funktionalisierung in monofunktionale Teilbereiche, verknüpft durch Verkehr. Das prägte doch ganz entscheidend die Muster der Städte im Wiederaufbau, hier mehr als anderswo. Es setzte aber, wie ich glaubte zeigen zu können, die spezifisch organisierende Kraft des Städtischen - die Rolle einer öffentlichen Sphäre, die Möglichkeit spontaner und kurzfristiger Gruppierung, das Netz informeller Kommunikation und selbstregulativer Prozesse - außer Kraft, oder ignorierte sie zumindest; ohne Verständnis für die politische Kultur der europäischen Stadt, deren Entwicklung eng mit der Ausdifferenzierung eines öffentlichen Raumsystems korrellierte.

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