s_fz1klein.jpg

 

form+zweck 1

Ökologie und Design

 

 

Gerhard Gohl

Milch holen

 

Die Studenten halten ihre Arbeit für gescheitert: Es ist nicht nachzuweisen, daß ein Milchzapfer ökologischer ist als andere Milchverpackungen. Trotzdem veröffentlichen wir das Projekt - Auszüge aus der Dokumentation und eine Collage der Entwürfe. Interessant sind die Haltung und die Methode, sich dem Thema zu nähern. In der Dokumentation wird der Versuch unternommen, Milch als Produkt des ganzen Prozesses von Erzeugung - Verteilung - Konsumtion zu begreifen. Erkenntnis: die industrielle Verarbeitung hat dieses Lebensmittel selbst grundlegend verändert, entwertet - Milch wird nur noch schlecht, nicht mehr sauer. Gescheitert ist das Projekt nicht. Es deutet die Tiefe der Veränderungen an, die nötig sind, will man ökologisch sinnvoll leben und arbeiten.

Die abgebildeten Entwürfe sind zum Teil unfertig; am 15. Januar wurden alle Arbeiten abgebrochen, des beginnenden Golfkrieges und der dagegen geplanten Aktionen wegen.


Industriemilch - Sondermüll?
Solange die Molkereien das Milchgeld ihrer Bauern noch selbst verdienen mußten, wurde sehr viel Wert auf gute Milchqualität gelegt. Was die Bauern zur Molkerei brachten, wurde einzeln geprüft. Schlechte Qualität ging zurück. Nach der Einführung der Tankwagen 1960 ging diese Kontrolle verloren.
Durch die immer weiter fortschreitende Zentralisierung der Milchwirtschaft auf einige wenige Großmolkereien wurde die qualitätsmindernde Behandlung und Tiefkühlung der Milch notwendig. Diese Verfahren führen zu grundsätzlichen Veränderungen der chemischen Zusammensetzung der Milch, bestimmte Inhaltsstoffe werden verändert und sogar zerstört. Selbst die eigentlich höchste Qualitätsstufe des modernen Lebensmittelrechts - die Vorzugsmilch - ist weniger wertvoll als die übliche Milchqualität der Vorkriegszeit.
Milch ist heutzutage nur noch ein billiges Abfallprodukt bei der Herstellung anderer »hochwertiger« Milchprodukte wie Sahne und Butter. Milch ist nur noch Kalorienträger ohne nennenswerte Vorteile für den menschlichen Organismus, so daß es im Grunde einer Irreführung gleichkommt, dieses Produkt noch länger als Milch zu bezeichnen.

Milch als Handelsware
Milch war nicht schon immer Handelsware. Bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein, diente Milch auf Grund ihrer Verderblichkeit nur der Eigenversorgung. Selbst in den Städten wurde Milchvieh gehalten, je nach Finanzlage Kühe oder Ziegen. Milch zählte nicht zwangsläufig zu den Grundnahrungsmitteln, wie das heute der Fall ist. Wer arm war, konnte sich keine Milch leisten. Gehandelt wurde mit haltbareren Produkten wie Butter und Käse. Erst das Zeitalter der Technik machte Milch zum Handelsobjekt.
Trotzdem versorgte sich eine Großstadt wie Berlin noch 1925 zu etwa einem Drittel mit Milch, die innerhalb des Stadtgebiets produziert wurde. Eine große Rolle dabei spielten die sogenannten »Abmelkställe«, Kuhställe mitten in der Stadt, von denen aus kuhwarme Milch verkauft wurde. Und weil ihre Wärme als Zeichen für Frische galt, war sie auch teurer als die gekühlte Molkereimilch. Besonders in kleinbäuerlichen Gebieten war die Eigenversorgung weiter die Basis der Milchversorgung. Erst ab 1925 wurde der Bau von Molkereien durch staatliche Begünstigung forciert. Die Bauern erkannten die Möglichkeit, über erhöhte Milcherzeugung zu geregelten Einnahmen zu kommen. Dies führte 1930 zur ersten großen Krise der Milchwirtschaft, denn die steigende Produktion stand einem zurückgehenden Verbrauchereinkommen gegenüber. Neue Marktordnungsgesetze traten in Kraft, die entgegen anderer ständig novellierter Lebensmittelgesetze noch heute gültig sind und die Milch ab dato zu einem Standarderzeugnis mit beständigem Preisverfall werden ließen. Hatten die Bauern bisher nur so viele Kühe gehalten, wie es ihr Futterboden erlaubte, versuchten sie nun über ständig steigende Viehzahlen und damit größere Milchmengen den Preisverlust auszugleichen. Das sogenannte Bauernsterben setzte ein, da viele kleine Betriebe wirtschaftlich nicht in der Lage waren mit den Großinvestoren mitzuhalten.

 

... lesen Sie weiter in form+zweck 1: Ökologie und Design ...