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form+zweck 1

Ökologie und Design

 

Chup Friemert

Zur Ästhetik der drahtlosen Telegrafie

 

Zwei Bildinterpretationen - Analyse von Kunst als Facette der Analyse von Verknüpfungen ökonomischer, technologischer, politischer und alltagskultureller Prozesse. Interpretationen, die entstanden sind im Zusammenhang der Essais »Zur Ästhetik der drahtlosen Telegraphie«.* *siehe form+zweck 5 und 6/86, 3/87

Edward Kienholz Volksempfänger (1976)

Eine auf der Wand waagerecht gespannte Leine, von ihr, wie von einer Versorgungshauptleitung senkrecht abgehende Leitungen zu Kästen, aufgestellt in einer Gruppe von sieben auf gemeinsamer Bank, abgerückt, auf einem Podest, ein achter Kasten. Die Geräte der Bank zeigen Spuren von Bearbeitungen, vom Feilen oder sind zusammengezimmert. Die ersten beiden Geräte der Reihe bauen auf dem Deutschen Kleinempfänger auf, dem D.K.E, von 1938, der erste Kasten ist bearbeitet, ihm fehlt das Hakenkreuz, es soll noch nicht da sein zu Beginn (und der erste Volksempfänger-Typ hatte ja auch wirklich kein Hakenkreuz), es zeigt sich aber schon beim zweiten Kasten in der Mitte über dem Sendersuchknopf. Dann der Größte in der Anordnung, die anderen überragend, der Volksempfänger VE 301, Ausgabe 1938, mit zwei Hakenkreuzen, als ob eins nicht laut genug wäre, gefolgt von einer Kienholzschen Erfindung, einem Volksempfänger im Pappmaché-Gehäuse, eine mögliche Realität, notwendig für die zu erzählende Geschichte, einen ihrer Gedanken in materielle Gestalt treibend, über die Realität hinausgehend, weil fiktiv, aber: Es hätte sein können. Danach wieder dasselbe Gehäuse wie am Anfang, diesmal mit Spur, das Hakenkreuz über dem Suchknopf ist abgefeilt, weggemacht, aber die Lücke ist ebenso deutlich und verräterisch wie das, was sie zuvor ausfüllte, deshalb beim nächsten Kasten ein erneuter Eingriff, radikaler, die Negation des Gehäuses und ein Neubau, wiederum fiktiv und die Erzählung bearbeitend, den alten Empfangsteil rettend. Dann ein neues Gerät, ohne Abstand danebengesetzt, den Bruch mit dem Volksempfänger zwar äußerlich darstellend, aber nicht räumlich abgesondert, sondern auf gleicher Basis wie alle bisherigen Geräte aufgereiht, ein Kofferradio aus der ersten Nachkriegsproduktion. So zeigt sich der zusammengebundene Teil der Installation. Doppelt ist die Bindung aller Geräte untereinander einmal durch die gleiche Basis, die Tischfläche, zum anderen aber durch das gleiche Programm, über die Leitungen eingespeist. Wie verschieden die Spielapparaturen auch aussehen, es ist hoffnungslos, sie geben immer die gleiche Sendung, Wagnermusik auf Knopfdruck.

 

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