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form+zweck 11+12
Reparatur, Zoo, Art Déco

: Henk-John Hipfel

Der Bastler muß nicht, er will.

 

Reparatur setzt an den Bruchstellen eines Gegenstandes an, um ihn zu erhalten. Der professionelle Reparateur von heute bearbeitet Garantiefälle; eingebunden in den Dienstleistungsapparat der Industrie, steht er eigentlich auf seiten der Erneuerung. Wo er noch repariert, wechselt er Teile und Baugruppen aus, die zunehmend komplexer werden - am Ende wird immer häufiger komplett ausgetauscht und aussortiert. So fungiert der Fachmann als Rückmelder des Trial and Error der Entwicklungs- und Marketingabteilungen der Industrie. Kleine Werkstätten, die ein Kassettendeck löten, sind selten, Laufmaschen-Annahmestellen eine Kuriosität. Rundfunk-Amateure bessern schadhafte Stellen in Bakelit-Gehäusen mit Zwei-Komponenten-Kleber aus. Welche Ideologie steckt in dieser Sphäre zwischen Werkstatt und Wohnzimmer, Garage und Atelier, Keller und Tauschbörse? Wir fragten jemand, der als Kind Mechanismen zerlegte, weil dabei kein Blut fließt, als Schüler aus alten Fernsehern Oszillographen baute und für den das Reparieren, mehr noch das Basteln, Teil des Versuchs ist, selbstbestimmt zu leben und zu arbeiten.


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Seit ich Dich kenne, bastelst Du. Ist das Reparieren Deine Grundhaltung?


Hipfel

Ich repariere niemals. Gut, ich wechsle eine Glühbirne. Aber klassische Reparatur-Objekte, eine hängende Türklinke etwa, viele Dinge, die in Haushalt, Auto, Wohnung reparaturbedürftig sind, genau diese Dinge interessieren mich nicht. Ich repariere nicht etwas Kaputtes, nur weil es kaputt ist. Ich will die Funktion verändern, nicht von den Gegenständen abhängig sein. In der Benutzung von Gegenständen gelangt man oft an eine gewisse Grenze und man bemerkt, daß diese Grenze verändert werden kann, weil sie nicht in der Sache selbst liegt. Mir würde nicht einfallen, an einer Wachskerze herumzubasteln, weil eben dort die Grenze ihrer Benutzbarkeit in ihr selbst liegt.


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Diese Grenzverschiebung an den Gegenständen kann verschiedene Ziele verfolgen: Verfremdung, Perfektionierung oder Umnutzung.


Hipfel

Der eine möchte, daß sein Auto ein Oldtimer ist, alles soll original sein und auch so funktionieren. Ich dagegen schätze ein Mißverhältnis zwischen Aussehen und Fahrleistung. Mir ist ein wunderbar chromglänzender bordeauxroter Oldtimer mit cremebeigefarbenen Lederbezügen auf den Sitzen, der sechzig fährt und wie eine alte Mütze klingt, egal. Wenn aber ein schrottreifes Klapperteil mit einer irrsinnigen Leistung und gut klingend fährt, dann finde ich das gut. Ich fahre ein russisches Motorrad, eine ausrangierte Armeemaschine. Technische Daten: BMW R71, in meinem Fall DNEPR oder URAL (MOLOTOW genannt) M72, Boxermotor 750 Kubik, seitengesteuerter Motor, Kardanantrieb, Rückwärtsganggetriebe, gebaut ab 1939 in Deutschland, ab '42 in Rußland, bei BMW sicher nicht mehr nach dem Krieg. Bei den russischen Maschinen kann man nicht sagen, aus welchem Jahr sie stammen, das Getriebe jedenfalls ist nagelneu. Ein einzigartiges Gerät, von der technischen Lösung, von der Konstruktion her. Und es hat den Reiz, daß es im Prinzip nicht funktioniert: obwohl es als ein schnelles Motorrad konzipiert wurde, geländegängig, abschlepp- und beiwagengeeignet, obwohl der Rahmen und die Antriebselemente sehr kräftig ausgelegt worden sind, würde die Maschine bei 120 km/h auseinanderfallen. Man kann diesen Motor kaum fünftausend Kilometer bewegen, ohne daß ein ernsthafter Schaden auftritt. Von allen Freaks, die das Motorrad kennen, und andere kennen es kaum, ist zu hören, daß es ein wunderbares Motorrad ist, aber leider nicht richtig funktioniert. Für den Bastler ein sehr reizvolles Instrument. Der Witz daran ist, daß man alle Teile leicht austauschen kann, ohne dafür ein anderes Teil ausbauen zu müssen, wie bei den heutigen Motorrädern. Alles ist separat angeordnet - das ist ja auch am Aussehen das Interessante. Das Problem ist die Beschaffung der Teile.


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