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form+zweck 11+12
Reparatur, Zoo, Art Déco

: Petruschat, Jörg
Editorial

 

Schlimmer als die Ermordung der Dinge ist ihre Reparatur. Der Zynismus besteht darin, das, was nicht funktionierte, wiederherzustellen. Reparatur ist die Verlängerung unvollkommenen Daseins.

 

Herausragend im Repertoire der Grundmotive fürs Reparieren ist die Kleinmütigkeit, sich vom Kaputten nicht trennen zu können, Verzagtheit im Überwinden des Ungenügenden - Seelenklempner, Flickschuster, das langweilige Heer der Dummen, die sich im Netz der Mach-es-doch-selbst-Kampagnen verfangen haben, Verdienstunwillige, die die Baumärkte am Rande der Metropolen nach no-name-Werkzeug absuchen - Leute also, die, statt mit richtigem Kapital unternehmerisch zu klotzen, mit dem Verkleckern ihrer freien Zeit und ihrer Sozi-Kohle die Konjunktur großer Handelsketten finanzieren.

 

Reparieren ist die Wiedererweckung der Mühsal - es verhindert den Erfolg dessen, was alles schon leichter, automatischer, intelligenter, formschöner geht. Es versagt die befreiende Lust, die im Wegwerfen liegt, versagt den Selbstgenuß an der eroberten Sprosse in der konsumistischen Gesellschaft, dessen Gipfel der freiwillige Verzicht auf das noch Brauchbare ist, es verklemmt die Emanzipation von der Last der Dinge, vom Materialismus in der Welt.

 

Wer nicht verändern will, repariert. Und damit es doch so aussieht als habe sich etwas zum Guten getan, gibt man diesem Vorgang dann die Sprache der Güte: die Umwelt oder auch die Städte werden saniert, was ja bekanntlich vom selben Wortstamm kommt, wie Sanitäter und Sanatorium, also eben vom Versprechen auf Heilung. Und da wir keine extremistische, keine radikalistische, die Dinge bei der Wurzel anpackende, keine innovative Zeitschrift sind, weil uns schon bei der Vorstellung von sozialen demokratischen Reformen der Herzsprung droht, haben wir uns diesem wertkonservativen Thema auf einigen Seiten zugewandt.