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form+zweck 11+12
Reparatur, Zoo, Art Déco

: Petruschat, Angelika
Fecit - gemacht

 

Reparatur ist kein Vorgang bloßen Wiederingangsetzens, Reparatur ist eine Konsequenz kultureller Erfahrung, eine Kumulation kulturellen Kapitals. Gegenwärtig gibt es auf der Welt insgesamt noch etwa 500 historische Lauten, Lauten also, die älter sind als ungefähr 300 Jahre. Die Lebensdauer eines solchen Instruments betrug seinerzeit allerdings nur 10 Jahre. Immer wieder wurden die fragilen Instrumente repariert, späterhin infolge veränderten Musikgeschmacks auch modifiziert und umgebaut, bis dann eine andere Musikkultur andere Instrumente an deren Stelle setzte. Zu seiner Blütezeit galt das Lautenmachen als höchste Kunst und noch heute werden in Frankreich Instrumentenmacher Luthiers genannt. Dieser Text entstand aus der Begegnung mit dem Lautenmacher Johannes Georg Houcken als Versuch, das Reparieren als einen kulturellen Vorgang in langen zeitlichen Dimensionen anzuschreiben und die Frage wachzurufen, welche Kompetenzen, welche Hör-, Seh- und Fühlweisen historisch bereits gebildet sind gegenüber Gegenständen in der sinnlichen Dimension von Körper und Hand.

 

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Wenn man ein altes Instrument noch einmal ganz vorsichtig besaitet und tonlich untersucht, kann man erahnen, welchen Klang es hat. Man hört schon, daß es sich sehr stark von den meisten Nachbauten unterscheidet. Das kommt daher, daß sehr viel Wissen verlorengegangen ist und technisch zu simpel an die Sache herangegangen wird. Anders als beim Geigenmachen war die Tradition des Lautemachens sehr lange Zeit unterbrochen. Bei der Geige kann durch die andere Art der Tonerzeugung eine gute Qualität viel leichter vorgetäuscht werden; mit dem Bogen kann ich den Ton permanent beeinflussen. Bei der Laute wird die Saite einmal angeschlagen und dann muß sich der Ton entwickeln.

 

Die modernen Handwerker, die angefangen haben, historische Instrumente zu machen, haben zunächst alte Instrumente kopiert. Sie haben die vorgegebenen Holzstärken genau reproduziert und mußten enttäuscht feststellen, daß das Instrument nicht schön klingt. Was stimmt nicht? Sie haben alles so gemacht wie die Alten und haben nichts so gemacht wie die Alten. Der moderne Handwerker sieht ein Stück gekrümmtes Holz. Dafür kennt er nur die Technik, ein Eisen zu erwärmen, das Holz anzufeuchten und über das Eisen zu biegen bis es die gewünschte Kontur bekommt.

 

So nahm man in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts - als man begann, sich für die Rekonstruktion alter Instrumente zu interessieren - an, das Holz sei ursprünglich wesentlich dicker gewesen und erst durch den Jahrhunderte währenden Alterungsprozeß geschrumpft. Die modernen Handwerker haben sich nicht vorstellen können, daß das Material tatsächlich so dünn verarbeitet worden ist, und sie haben beim Nachbau der Instrumente stärkeres Material verwendet. Die Ergebnisse waren nicht befriedigend.

 

Erst in den sechziger/siebziger Jahren unseres Jahrhunderts, als man anfing, die alte Musik und auch die alte Musikliteratur wiederzuentdecken, begannen Instrumentenmacher erneut, Lauten zu machen. Bespielbare Instrumente gab es nur noch sehr wenige. Die meisten waren über die Jahrhunderte verunstaltet oder kaputtrestauriert worden. Zum Beispiel hatte man innen in der Muschel Eisenstäbe angebracht, weil man glaubte, sie damit stabilisieren zu können. Das ist eine technische Vorstellung von Musikinstrument und Klangerzeugung. Wahrscheinlich hatten diese Leute den Eiffelturm vor Augen. Sie konnten sich nicht vorstellen, daß die Stabilität des Instrumentes durch eine Balance von Gegenspannungen erreicht wird.

 

Der Ausdruck Bauen ist für Lautenmacher ein falscher Ausdruck. Es gab den Lautenbauer nicht in der Renaissance, sondern den Lautenmacher wie den Schuhmacher auch. Der Begriff Instrumentenbauer entstand erst im Zuge der Industrialisierung und bedeutete Arbeitsteilung, Teilarbeit, Vorfertigung. Die Leute, die das machen, stellen fertig, fügen zusammen, erst in diesem Zusammenhang spricht man von Bauen. Die Handwerker waren Macher. Lauten machen, das bedeutet, vom Stamm ausgehen - ohne ein vorgefertigtes Teil - durch Handbearbeitung ein Musikinstrument herzustellen.

 

Die historische Bauweise, das ist die sehr leichte fragile Art, Lauten zu machen. Was haben die Alten gemacht, um ein Stück Holz zu krümmen? Sie haben es nicht vorgebogen - wie man zu Anfang unseres Jahrhunderts dachte -, sondern sie haben es so dünn ausgearbeitet, daß sie den Span über eine Bauform spannen konnten - wie man einen Bogen spannt.

 

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