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Reparatur, Zoo, Art Déco

: Christoph Schilling

Nachfrage muss gezüchtet werden. Die Eroberung der Schweizer Küche durch den neuen Brennstoff Gas

 

In den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts gelang es dem Minen-Ingenieur William Murdoch aus Redruth in Cornwall nach vielen Versuchen, aus der Steinkohle ein Gas zu extrahieren und damit sein Wohnhaus zu beleuchten. Hundert Jahre später hat das Steinkohlengas in den Städten Europas und Amerikas das Öl als Beleuchtungsstoff verdrängt. Gasherstellung ist ein industrielles Unternehmen, zuerst im Auftrag der Kommunen zur Beleuchtung der Straße. Als dies profitabel wurde, wandelte sich die Bereitstellung von Gas in eine offensive Vermarktung des Brennstoffs mit dem Ziel möglichst hohen Absatzes. Die bereits in den Straßen liegenden Gasleitungen wurden bis in die Privathaushalte verzweigt, und was erst nur für die Beleuchtung gedacht war, wurde nun auch anderen Verwendungsweisen erschlossen. Der Raum, der vom Gas erobert werden sollte, war die Küche als Zentrum des Haushalts, diejenigen, die von seinem Nutzen überzeugt werden sollten, waren vor allem die Frauen. Ihnen mußte die Verwendung von Gas nahe gebracht werden: als erstrebenswerter Luxus, als Befreiungsmöglichkeit von schweren Verrichtungen, als arbeitssparende und hygienische Angelegenheit.

Im folgenden Text beschreibt Christoph Schilling Aspekte dieses Modernisierungsprozesses, wie er sich in der Schweiz vollzogen hat. Die Abbildungen beziehen sich auf die Entwicklung in Deutschland.

 

Die Krise der Gasindustrie

1884 schreibt der Berner Gasdirektor Rothenbach im Bulletin des Schweizerischen Vereins von Gas- und Wasserfachmännern (S.V.G.W.) von einem amerikanischen Gaskochherd; allerdings beklage sich das Publikum, daß das Gas beim Kochen und beim Heizen einen üblen Geruch verbreite. Es wurde eine Kommission gegründet, die Koch- und Heizversuche mit Gas veranlassen sollte. Obwohl seit 1860 in der Schweiz bereits Gaswärmegeräte hergestellt und auch betrieben wurden - Bügeleisen, Kocher und auch Herde -, war das Bedürfnis, mit Gas zu kochen, nach Ansicht von Johann Leonhard Isler, Direktor der Winterthurer Gaswerke, wenig entwickelt. Gas für Kochzwecke werde als Luxus empfunden. Fünf Jahre später jedoch kann Isler berichten, daß in Winterthur 200 Einzel- und Doppelkochapparate und 55 Gaskochherde angeschlossen sind.

Dieser sprunghafte Anstieg in der Gasversorgung der Stadt war auf eine Offensive der Gasindustrie zurückzuführen. Bis in die 80er Jahre des 19. Jahrhunderts war Gas vor allem ein Leuchtstoff. Die Aufmerksamkeit gegenüber dem Gas als einem Energieträger zum Kochen und Heizen kam nicht von ungefähr.

In den achtziger Jahren geriet die Gasindustrie in eine Absatzkrise. In diesen Jahren war es der elektrizitätserzeugenden Industrie gelungen, auf dem Beleuchtungssektor zu einem ernsthaften Konkurrenten heranzuwachsen. 1882 wurde in Zürich die elektrische Straßenbeleuchtung eingeführt. Wahrscheinlich waren es überschüssige Kapazitäten, die 1883 den Auftrag der Zürcher Stadtverwaltung an den Direktor des Basler Gaswerkes auslösten, neue Verwendungsarten für das Gas zu suchen. Für besonders entwicklungsfähig hielt der Zürcher Stadtrat damals die Verwendung von Gas zu Kochzwecken im Küchenbereich.

Günstig für eine schnelle Einführung des Gases in die Küche war, daß die Gasleitungen vom Beleuchtungsgeschäft her bereits vorhanden waren. Die Einführung von Gas zu Kochzwecken wurde von seiten der Anbieter durch eine bevorteilende Preisgestaltung zusätzlich gefördert. Koch-, Heiz- und Motorengas wurde anfänglich billiger als Leuchtgas angeboten.

Im Zentrum der Bemühungen, den Absatz von Gas zu sichern und zu vergrößern, standen die privaten Haushalte. Im Januar 1893 waren in Zürich 220 Gasmesser für Küchen angeschlossen, im Oktober 1896 waren es bereits 3.000. »Diese Zahl beleuchtet am besten die ungeahnte Verallgemeinerung der Verwendung des Gases als Gebrauchsartikel, und zwar nicht nur zu Beleuchtungs- und Industriezwecken, sondern vor allem im Haushalt, und nicht etwa nur in der Küche des wohlhabenden Bürgers, sondern ebensogut in der des Arbeiters.«


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