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form+zweck 11+12
Reparatur, Zoo, Art Déco

: Bernd Brunner

Neger, Tiere, Sensationen. Mit der Stadtbahn in die Kolonien

 

Begonnen hat das Zur-Schau-Stellen von Tieren als ein Unternehmen domestizierter Jagdbeute, als ein Raum, bequem zur Verfügung zu halten, was der Souverän seiner Lust am Erlegen zu opfern bereit war. Zunächst ein Ort, an dem heimisches Wild betreut und großgezogen wurde, entwickelten sich die fürstlichen Tiergärten zu Menagerien exotischer Tiere - Nachweis für die Weltläufigkeit der Beziehungen, über die der einsam Herrschende gebot. Die Verwandlung der Beute von einem Objekt, das durch Tötung und Verzehr endgültig besessen wird, zu einem Objekt reflektierenden Interesses, die Verwandlung der Tiergärten in Raumordnungen der Zoologie und der Unterhaltung ist auch der Übergang zur Implantation von Tier und Landschaft in einen urbanen Zusammenhang - der Beginn des Umlügens von Gefangenschaft in Naturschutz.


Die Zoologischen Gärten, die großen Weltausstellungen, die Natur- und Völkerkundemuseen, die Aquarien und Botanischen Gärten bilden vergleichbare ideologische Landschaften. Ihr Repertoire besteht aus Elementen, die einer gewachsenen Ordnung entzogen, bestimmten Klassifikationslogiken unterworfen und für die Öffentlichkeit inszeniert wurden. So entsteht eine künstliche, universal gültige Ordnung, in der die Exemplare jeder Tier- und Pflanzenart, jeder Gattung, letztlich alle je hervorgebrachten Dinge und Gedanken ihren Platz zugewiesen bekommen. Derartige ideologische Landschaften widerspiegeln die sich absolut setzende technische Zivilisation des 19. Jahrhunderts. In ihrer Denkweise, schreibt Chup Friemert, »war geschichtlicher Fortschritt auf industrielle Evolution gegründet. Die englische Industrie setzte sich damit gegen einen Begriff von Fortschritt, der auf gesellschaftlicher Befreiung beruhte. Fortschritt implizierte wirkliches Wegschreiten vom Vorhergehenden. Das prognostizierte den Untergang anderer Lebensweisen und Kulturen, die Weltausstellung schuf ihnen zunächst den Raum, wenigstens in musealer Präparierung weiterzuexistieren.« Was für die erste Weltausstellung formuliert wurde, trifft auch die zeitgleich expandierenden Zoologischen Gärten in ihrem Bezug auf die Wildheit der Tiere und die äußere Natur. Die ideologischen Landschaften der Weltausstellungen wie die der Zoologischen Gärten sind als Komponenten eines hegemonialen Diskurses zugleich Rituale, die Verfügbarkeit der »Welt« in der eigenen Stadt als etwas ganz und gar Notwendiges und Natürliches anzusehen. Der Mythos von der Überlegenheit über nichtmoderne Kulturen wird so selbstverständlich wie die Überlistung und Ausbeutung der Natur.

Künden die großen Weltausstellungen vom »ungetrübten Bewußtsein der absoluten Herrschaft über die materielle Welt« und steht ihr Erfolg in Zusammenhang mit dem Gefühl der Besucher, Teil eines globalen Unternehmens zu sein, so imitiert der Besucher der Zoologischen Gärten mit seinem Hin und Her zwischen den Tieren, Menschen und Artefakten fremder Kontinente die Bewegungen des Warenverkehrs. Ihm wird das Verlangen nach fernen Welten geweckt; touristische Topographien werden grob umrissen. Die Zoologischen Gärten vermitteln ein besonders gut greifbares, leicht zugängliches Bild fremder Länder - bis der völkerkundliche Film breitenwirksam wird. Die Wahrnehmung dessen, das da anders ist, ist - wie von der heutigen »Welt« insgesamt behauptet wird - eine Konstruktion.

Auf dem Terrain der Zoologischen Gärten wird immer ein bestimmtes Verhältnis von Tier und Mensch dramatisiert. Die Anlagen und Gebäude offenbaren das je historische Verständnis von der Wildheit der Tiere sowie von der Rangordnung der Tiere innerhalb des Natursystems. Der Löwe, »König der Tiere«, wird anfänglich noch im Käfig gezeigt, später dann häufig vor einem prachtvollen, seine »Würde« betonenden Stilbau. In diesem Jahrhundert streunt er inmitten nachempfundener Landschaftsszenen herum und manchmal hat er sogar Gelegenheit, sich den Blicken zu entziehen.

Mit der Transformation zoologischer Gestaltungsprinzipien verändern sich die Wahrnehmungsmuster der Zoobesucher. Die heute wohl gängigste Illusion ist die vom 'artgerecht' gehaltenen Tier, die Illusion, es würde in der Zoologischen Raumordnung ganz wie in der Wildnis leben können. Mit dem Hinweis, daß der menschliche Begriff der »Freiheit« nicht auf Tiere übertragbar sei, da sie auch in der Wildnis zumeist innerhalb eines abgegrenzten Gebietes leben würden, bemühen sich die Apologeten der Zoologischen Gärten die Bedenken gegenüber der Gefangenschaft der Tiere zu zerstreuen.


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