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form+zweck 11+12
Reparatur, Zoo, Art Déco

: Jörg Petruschat

Vom großen Refraktor zum Einsteinturm. Le Luminaire. Art Déco Lampen 1925-1937. 1979: Eine Art Geschichte

 

Wer die allgemeine Relativitätstheorie Einsteins für eine wichtige Sache hält, ohne sie je verstanden zu haben, dem sei Ausstellung und Katalog »Der Einsteinturm in Potsdam. Architektur und Astrophysik« empfohlen. Nicht, daß er hernach der mathematisch-physikalischen Ableitung von Einsteins berühmtester Formel mächtig wäre, das nicht. Aber er kann mitreden, wenn dieses Paradigma moderner Naturwissenschaft in die Diskussion kommt. Jo Krausse, Barbara Eggers, Dietmar Ropohl, Walter Scheiffele und Renate Keil, die für Konzeption und Gestaltung gearbeitet haben, ist der ästhetische Zugang zur deutschen Astrophysik am Beginn unseres Jahrhunderts zu danken, ein Zugang, der gerade nicht vom Aufwand der Inszenierung, sondern von der soliden Recherche zum Thema getragen wird. Das ungemein Vorteilhafte dieser Ausstellung ist die Situation, in der sie stattfindet: auf dem Telegraphenberg in Potsdam, dem Gelände des dortigen Astrophysikalischen Instituts. Da genügen konventionelle, dem Raum überlegt angepaßte Ausstellungswände für Text, Zeichnung und Fotografie, weil eben der Raum selbst - das große Refraktorium, die Herberge eines der letzten großen Fernrohr-Saurier - Umstand genug ist, um zu begreifen, auf welcher Grundlage die Umgestaltung astrophysikalischer Weltmodellierung in Angriff genommen wurde. Wie zufällig hebt man den Blick beim Betrachten und Belesen der Ausstellungstafeln mit Kommentaren zur Astrophysikgeschichte, zum Leben Einsteins, Mendelsohns, Freundlichs, Feiningers, mit den Skizzen und Baufotos zum Einsteinturm - beim Erheitern an all dem hebt man also den Blick aus dem Fenster und da sieht man ihn stehen, inmitten der parkartigen Obervatoriumsanlage, den »kleinen Matrosen auf dem Rittergut«(Krausse). Er wirkt wirklich etwas schmalschulterig im Verhältnis zu den anderen Bauten, die aus der Gründungszeit des Astrophysikalischen Instituts stammen, das im Oktober 1878 eingeweiht wurde. »Turm« ist allerdings ein etwas schiefer Begriff für das Gebäude, das eher an die Nautilus, an jenes sagenumwobene Unterseeboot aus der Phantasie Jules Vernes, erinnert. Das Gebäude ist so garnicht konstruktiv, es ist poetisch in einem mimetischen Sinne, in seinem Innern fühlt man eine zwielichtige Geborgenheit, ja auch ein Erschauern, das an den guten Jonas im Walfisch erinnern läßt. Aus häuternen Falten dämmert schwaches elektrisches Licht auf Flure und Treppen, alle Architektur umkurvt die rechten Winkel, die Räume sind wie Bäuche und alles dies nur gehalten von einer Symmetrie und Proportionalität, wie sie aus den Morphologien der Pflanzen und Tieratlanten bekannt ist, nur eben in kraftvoll-lebendigen Wölbungen und ohne den Zierrat der Illustration oder des Ornaments. In diesem ganzen Schwingen und Rauschen steckt dann mit aller unpassenden Härte des experimentell Erforderlichen das Gerüst des Spiegelcoelostaten für die Mendelsohn sein Tauchboot als Umfassung anpaßte. Denn, so erfährt man, dieser Turm ist nicht zu Ehren Einsteins gebaut, oder als ein hymnisches Arbeitsdomizil, es ist gebaut zum experimentellen Nachweis des Einsteinschen Modells der Relativierung von Zeit durch Raum und umgekehrt. Eine Beweisarchitektur also von ihrem Anlaß her und damit ganz und gar verschieden von jenem ersten neuzeitlichen Observatorium, der Uranienburg für Tycho Brahe, der Sternenburg, die ja nichts beweisen, sondern ausschließlich der Vermessung des Himmels dienen sollte.


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