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Reparatur, Zoo, Art Déco

: Matt Price

Zur mechanischen Rekonstruktien des Körpers und der Seele. Jules Amar und die Ertüchtigung der Krüppel

 

Daß der Mensch eine Maschine sei, ist eine barocke Gewißheit. Daß das Töten mechanisiert werden kann, eine Erfindung der französischen Revolutionäre. Die Zwangsläufigkeit massenhafter Verkrüppelung ist eine Randerscheinung des Maschinenkrieges im 20. Jahrhundert - das Ziel der Ausschaltung der feindlichen Batterien wurde nur teilweise erreicht. Zur Wiederverwendbarmachung der Versehrten wurden Methoden industrieller Mechanisierung in Anschlag gebracht. Diese Reparatur der Versehrten, der Ersatz der leiblichen Glieder durch mechanische Prothesen ist der Ausgangspunkt für Matt Price, moderne Referenzen von Mensch und Maschine vorzuführen und auf die Herkunft von Vorstellungen aufmerksam zu machen, die auf die Erklärungsmuster der Kybernetik zulaufen.


Der erste Weltkrieg übertrifft alles unter dem Begriff des Krieges bislang vermeinte. Während des Krieges und auch danach wurde seine Einzigartigkeit beschrieben, seine gänzlich neue Vernichtungskraft und die unergründliche Bösartigkeit, die er hervorrief. In der Schlacht an der Somme allein wurden über eine Million Soldaten getötet, Opfer neuartiger Kampftechnologien und -taktiken. Direkt treffende Artilleriegranaten konnten einen Soldaten so auseinanderreißen, daß »nichts Erkennbares - manchmal überhaupt nichts - mehr von ihm übrigblieb«, und selbst eine Explosion in einiger Entfernung konnte »den menschlichen Körper enthaupten, in Teile zerreißen oder in anderer Weise schrecklich verstümmeln«. Maschinengewehrfeuer konnte ein Regiment in Sekunden dezimieren, und in die Gräben dringendes Giftgas bedeutete langsamen Tod oder zumindest schwer geschädigte Lungen und Haut.

Fortschritte in der Militärmedizin jedoch sorgten dafür, daß ein ziemlich großer Teil der Verwundeten das Erlittene überlebte. Dieser Triumph der Medizin verwandelte die Kliniken und Lazarette gleichsam in Betriebe, in denen kaputtgemachte Körper in funktionierende Teile der Militärmaschinerie zurückverwandelt wurden. Durch sie gelang es, in bisher nicht dagewesenem Umfange Soldaten in aller Herrlichkeit an die Front zurückkehren zu lassen; und als eine Art Nebenprodukt erzeugten diese Betriebe Hunderttausende von verkrüppelten Soldaten.

Diese verstümmelten und verkrüppelten Nebenprodukte des Krieges und der Militärmedizin wurden auf beiden Seiten der Front der Rehabilitation unterworfen - der Rekonstruktion des Körpers und der Seele.

Diese Wiederherstellung des Körpers und der Seele rückt, auch wenn sie in vielerlei Hinsicht nur eine Randerscheinung gewesen sein mag, eine in Diskussionen über den Großen Krieg zwar oft angesprochene, zugleich aber immer zu kurz auftauchende Problematik in den Mittelpunkt: das Problem des Unterschieds von Mensch und Maschine.

Die explosionsartige Vermehrung von Technologien der Kampfführung und der massenhafte Aufmarsch von Kämpfern läßt die Grenze zwischen Mensch und Maschine im Krieg unscharf werden - so bei Ernst Jünger oder in den Manifesten der italienischen Futuristen. Bei einer genaueren Untersuchung der Rehabilitation wird die Auseinandersetzung, wo diese Grenze zu ziehen ist oder wo sie beseitigt wurde, besonders deutlich - hier liegt ein Drehpunkt für die kritische Untersuchung des Modells von Körper und Seele als einer Maschine.


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