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form+zweck 14

Zur Anpassung des Designs an die digitalen Medien

 

 

Chup Friemert

Der Computer und die DaOisten

 

Die Digitalisierung unterläuft den klassischen Bildbegriff. Weil noch niemand so recht weiß, was das ist, das an die Stelle der Bilder tritt, bedient man sich der alten Worte und spricht zum Beispiel vom »Computerbild«. Was aber ist das, das auf den flimmrigen Schirmen, auf umwölbenden Projektionen noch so aussieht wie ein Bild, aber gar keines ist.


Zwanzig beräderte Dreifüße,

»selbsttätig sollen sie fahren bis hin zur Versammlung der Götter

und in das Schloß des Hephaistos zurück, ein Anblick zum

Staunen«

Homer, 18. Gesang der Ilias


Das Bild

Die Versprechen steigern sich neuerdings in zuvor nicht geahnte Dimensionen: Noch nie gab es so viele Bilder wie heute. Es wimmelt. Der Nachbar erscheint im Fernsehen. Egal, ob wir etwas sehen wollen von der erdabgewandten Seite des Mondes, von einem Kontinent oder einem Baum, vom Familienfest im vergangenen Jahr oder vom Ausflug am letzten Sonntag, immer sind Bilder zur Hand, mindestens verfügbar, massenhaft fixiert und verstreut. Das kann auch einen Prozeß voraussetzen, der beinahe mit Lichtgeschwindigkeit operiert. Mit den Bildern hat sich etwas verändert.

Früher war klar, daß etwas Erscheinendes von einem anderen herrührt, meist von einem Festen, von etwas, das sich dem Menschen gegenüberstellt. Es erschien zwar nicht alles, von dem die Menschen meinten, daß es existiere, aber alles was erschien, hatte in dieser Erscheinung ein Zeugnis seiner Existenz. Erscheinendes und Existierendes schien komplementär verbunden. Heute ist die Verbundenheit fragwürdig. Was uns heute als Bild bezeichnet wird, ist nicht Zeugnis für etwas, auch nicht Erzeugnis. Vielfach wird Erscheinendes hervorgebracht nicht wegen eines Existierenden, nicht um einer berichtenden Mitteilung willen, sondern nur wegen einer gewollten Mitteilung. Notwendigkeit liegt nicht mehr im Existierenden und in der Folge in der Mitteilung von ihm, Notwendigkeit liegt allein in der Absicht, etwas mitteilen zu wollen. Unter anderem, weil man etwas mitteilen kann kraft der Verfügung über die Mitteilungsmittel. Mitteilungen sind Selbstzeugnisse von Mitteilungsinstitutionen, von dem, was man Medien nennt. Darüber läßt sich nicht reden, ohne über Macht und Herrschaft zu reden.

Die elektronischen Medien, ihre materielle und soziale Struktur haben das geschichtlich gewordene, komplizierte Wechselverhältnis von Modell, Sichtbarkeit und Sichtbarmachung verschoben. Das heutzutage technisch Mögliche hebt das alte Verhältnis auf und läßt Raum für die Modellierung, für einen Vorgang also, der Erzeugung ist. Keine dialektische Beziehung zwischen Bilderzeuger und Bildlieferanten, kein Verhältnis von Maler und Modell, wobei das Modell wesentlich mitarbeitet an der Sichtbarkeit dessen, was der Maler tätigt, sondern eine Belieferungsweise von Sichtbarkeit-Gemacht-Haben, die eine Schausucht befriedigt, liegt vor. Der Prozeß kalkuliert mit der langen Geschichte des Bildes, das immer verkündet hat, was gesehen wurde. Das heutige System der Sichtbarkeiten ist anders beschaffen. Heutige Sichtbarmachung verhält sich zum Existierenden gleichgültig, es ist generierte Sichtbarkeit, bloß faktisch.


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