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form+zweck 14

Zur Anpassung des Designs an die digitalen Medien

 

 

Jörg Petruschat

Editorial

 

Verliebt sind wir in die Apparate, sagt Marshall McLuhan. Diese Liebe aber, so fügt er hinzu als wäre das Kritik, sei Narzißmus. Wir lieben die Apparate, weil sie nach außen gelagerte Sinnesorgane sind, Organe, die Mensch von sich abgetrennt hat, amputiert. Und so lieben wir in den Apparaten ein von uns abgestoßenes Teil unseres Selbst. Tatsächlich gehören die Experimente mit Leichenohren in die Vorgeschichte des Telefons, viele sehen in der Fotokamera ein künstliches Auge und heute im Internet ein nach außen gelagertes Zentralnervensystem. Diese Amputationen von Ohr bis Hirn - so meint McLuhan - schütze das empfindsame Nervenkostüm. Die Abtrennung entlaste den Menschenkörper von den Reizen, die auf ihn treffen und von den Anforderungen, denen er unterworfen ist, sie ermögliche die Beschleunigung und Ausreizung der jeweiligen Organfunktionen - das Rad ein rotierender Fuß. Folgt man diesen Gedanken, dann wäre es geradezu eine Überlebenstechnik, die eigene Wahrnehmung in Form des Fernsehens zu amputieren, um die Bilder, die die Welt von sich gibt, ertragen zu können. Der kleine Nebeneffekt: diese Sicherung der empfindsamen Nervenfasern wirkt wie eine Droge - sie macht von den technischen Medien abhängig. Heute bereits kann Mensch dieser Nervensicherung nicht mehr entsagen. Wie soll er die Verhungerten auch ertragen ohne Fernsehen?

Nun, diese Abhängigkeit jedenfalls nennt McLuhan Narzißmus: Mensch liebt die Apparate, weil sie im Grunde er sind.

Ich halte die Nachbetung dieser Geschichten für Dummenfang. Das Telefon ist nicht das verlängerte Ohr und der Computer nicht das amputierte Gehirn - obwohl sich mit diesen Bildern schon ein Schabernack treiben läßt. Schon die Liebe zu den Apparaten ist ein schief gesetztes Bild. Narziß liebt nicht die Reflexionsfläche, sondern den Jüngling, der auf ihr erscheint, das Geheimnis des Telefons ist nicht das abgetrennte Ohr, sondern das Netz, das die Teilnehmer identifizierbar macht. Auch wiederholt der Computer nicht die Windungen unseres Hirns. Er prozessiert Repräsentanz in Form einfachster, deshalb universell ausfaltbarer Signalsteuerung. Das ist es, was McLuhan die Botschaft der Medien nennt und Neil Postman in den Satz gießt: Wir amüsieren uns zu Tode. Diese Botschaften aber sind nicht die des menschlichen Körpers. Die Botschaft der Medien ist strukturierte und prozessierte Kommunikation, das, was Körper gemein macht. Hier von Prothesen zu reden, oder auch nur zu denken, ist Geistesschwäche. Der Mythos von der Prothetik der Medien, ihre Verzeichnung als Menschenteil ist der Versuch, sie zu beschwören, ist Vergötzung oder Dämonisierung prozessierter Kommunikation. Naturvölker stellen Natur sich göttlich vor, weil Bestechung und Opfer, also Sozialtechniken, dem Übermächtigen Erfolg abringen. Der nachgeschichtliche Mensch stellt die entlaufenen Apparaturen sich übermenschlich vor, um die Fremdheit zu tilgen, die dem Selbsterzeugten innewohnt.

Geistesschwach ist die Vorstellung, die Medien seien amputiertes Teil von uns, weil mit der Anthropomorphisierung der Apparate deren Differenz zum Menschen verschwindet, auf die ihre Funktionalität gegründet ist. Technische Medien prozessieren Kommunikation nicht weil sie übermenschlich, sondern weil sie unmenschlich sind. Diese Unmenschlichkeit aber ist kein moralischer Vorfall, der durch Lebendigkeitsbilder kaschiert werden muß, sondern eine historische Tatsache. Freuet Euch, daß das Unmenschliche deutlich wird. Ihr sollt Euch davon trennen, aus ihm heraustreten, es Sein lassen. Dieser Schritt ist keine Geste des Verzichts, die Grenzziehung zu den Apparaten ist ein geradezu unüberschaubar breites Aufgabenfeld.

Geschichtlein von Prothesen, erfunden in den industrialisierten Kriegen zur Ertüchtigung der Krüppel, sollen nur Zufriedenheit verbreiten, damit die Härte, die dem Lebendigen angetan wird, dem Menschen nicht so hart vorkommt; Mythen sollen der Welt die Unheimlichkeit nehmen.

Auf, auf Ihr Designer! Jetzt ist es noch einfach, eine menschliche Welt vorzustellen, jetzt ist die automatische Produktion, die uns vermittelt, noch kriegstechnisch figuriert, in hartem, fordistischen Material. Gentechnologisch wird die Grenze zum Unmenschlichen viel schwerer zu ziehen sein.