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form+zweck 14

Zur Anpassung des Designs an die digitalen Medien

 

 

Helmut Staubach

Frage nach der Universalität der Dinge

 

Es gibt keine Designschule mehr ohne Ausbildung in Informationstechnologie. Und viele Designateliers holen sich die jungen Menschen, weil so Geld und Zeit für Weiterbildung gespart wird.

Helmut Staubach, seit 1993 Professor für Entwurf von Produktkomplexen an der Kunsthochschule Berlin Weißensee, verfügt über die mittlerweile selten gewordene Gabe, den antrainierten Perfektionismus im Alltag infrage zu stellen, die kulturellen Defizite herauszufiltern und sie in studentische Aufgaben zu verwandeln. Dieser eher klassische Designansatz bringt ihm in seinen Projekten einen enormen Zulauf an Studenten. Niemand von denen sieht darin einen Widerspruch zu digitalen Technologien. Wir sprachen mit Helmut Staubach, um das Klischee vom Ende des klassischen Designs abzuräumen und wir baten Nils Krüger, der bei Staubach sein Diplom machte, seine Erfahrungen mit digitaler Technologie im Entwurfskontext darzustellen.


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Sie sind seit 1993 Professor für Produktdesign an der Kunsthochschule in Berlin. Sie betreuen sehr viele Studierende. Unter den betreuten Arbeiten sind auffällig viele, die sich mit Mängeln im Alltäglichen auseinandersetzen. Ich habe gelernt, daß dies keine veraltete Aufgabenstellung ist, und ich habe gelernt, wie wenig das für perfekt Angesehene funktioniert. Wie kommen derartige Themen zustande?


Helmut Staubach

Das weiß ich nicht, das kann ich nicht nachvollziehen. Informationen aus den Medien verdichten sich manchmal zu einer Frage, einem Thema oder setzen ganz einfach Gedanken frei. Etwa vor einem Jahr gab es eine Meldung aus den USA über die Zahl der Menschen, die zu Hause arbeiten. Das hat mich interessiert. Gemeinsam mit den Studierenden stecke ich dann ein Thema ab, das heißt wir tragen Aspekte zusammen, die zum Umfeld einer solchen Information gehören - bevor wir überhaupt über gegenständliche Dimensionen nachdenken. Ein Beispiel: welche strukturellen Veränderungen in der Gesellschaft zieht die Verlagerung von Arbeitsplätzen in den Wohnbereich nach sich? Das kann, das wird gravierende Einschnitte haben. Es berührt die Rolle der Gewerkschaften ebenso wie Fragen der betrieblichen und sozialen Organisation, denn es geht hier um die Entflechtung von Technologie und Ort. Dieser Prozeß hat Einfluß auf die Eigentumsbeziehungen. Wer bezahlt zum Beispiel den Arbeitsplatz, wenn Teile des Betriebes in Privaträume verlagert werden? Und das wiederum hat Auswirkungen auf den Charakter der Produktion. Die Möbelindustrie vollzieht nach wie vor auf ihre Weise die klassische Trennung von Arbeit und Wohnen. Seit einigen Jahren diffundieren die Muster. Es stellt sich die Frage, wozu braucht man 27 Schreibtischvarianten? Ich glaube, es ist notwendig geworden, die Frage nach einer Universalität der Dinge zu stellen. Wenn ich ein Tuch über einen Arbeitstisch lege, wird daraus eine Tafel. Überlegungen in diese Richtung können nicht von einer Verbesserung singulärer Gegenstände ausgehen.


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Wenn man nicht die Gegenstände analysieren soll, sondern die Gebrauchsprozesse, die mit ihnen stattfinden, dann ist mir der Begriff der Gebrauchsprozesse zu eng für das, was sie beschreiben.


Helmut Staubach

Ein Projekt muß möglichst viele Facetten erfassen. Der Prozeß seiner Konkretisierung schließt verschiedene Phasen ein, für deren Abfolge es keine Regieanweisungen gibt oder die von einem gewünschten Resultat her bestimmt wird. Vielmehr nähern sich die Studierenden quasi von den »Rändern« ihrer Aufgabe, simulieren Situationen, spielen Funktionszusammenhänge durch, tragen Fakten zusammen. In diesem Vorgang des Entwerfens und Verwerfens, der ein gedanklicher und gestalterischer ist, kristallisieren sich Determinanten heraus, Eckdaten für die konkrete Entwurfsarbeit. Um bei unserem Beispiel zu bleiben: Was passiert, wenn Produzenten die Eigentümer von Arbeitsplätzen in Privaträumen werden? Oder: wie werden sich die Entwurfsbedingungen ändern, wenn Arbeitnehmer sowohl den Arbeitsraum als auch die Arbeitsmittel besitzen? Solche Überlegungen gehen weit über ästhetische Belange hinaus und sind mit herkömmlichen Entwurfsansätzen nicht zu bewältigen. Oder: Ich möchte die Wartesituation in einer U-Bahnstation verbessern. Wenn ich gegenstandsorientiert arbeite, werde ich vielleicht eine neue, bequemere Bank entwerfen, die besser ist als ihre Vorgängerin.


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