s_fz14.jpg

 

form+zweck 14

Zur Anpassung des Designs an die digitalen Medien

 

 

Jörg Petruschat

Information takes command?

 

Design folgt in seinem analytischen und methodischen Inventar verschiedenen Metaphern und Paradigmen: der Mimesis, der Konstruktion, der Information. Welche Gründe gibt es für derartige Paradigmenwechsel, welche Gewinne und welche Verluste treten dabei auf? Was an analytischer, was an methodischer Substanz verfällt, wenn die Welt in den Bildern computierender Systeme vorgestellt wird, und: Ist es für die Entwicklung des Design nicht sinnvoller, divergierende Wege zu gehen, das Design auszudifferenzieren in eine Vielfalt von Arten?


Die Überschrift ist eine Anspielung auf Sigfried Giedion's Buch »Die Herrschaft der Mechanisierung«. Der englische Originaltitel lautet: »Mechanization takes command«. Dieses Buch beschreibt das Paradigma für Gestaltung im Zeitalter fordistischer Massenproduktion: die Durchsetzung des modernen Lebens mit technischer Mechanik und Konstruktivität, mit Kriterien der Funktionalität, der Leistungserfüllung, der Standardisierung. Meine Überschrift »Information takes command« enthält die Frage, ob die mechanischen und thermodynamischen Grundsätze noch Geltung haben können für das Design, oder ob das Paradigma technischer Mechanik antiquiert ist. Die Frage nach dem nachindustriellen Paradigma fürs Design gewinnt an Schärfe angesichts der Tatsache, daß es bis auf den heutigen Tag keine Designtheorie gibt - nicht im klassischen Sinn des Wortes »Theorie«. Es wäre lange über die Gründe hierfür zu reden entlang der Frage, ob denn Design überhaupt theoretisierbar ist. Mittlerweile allerdings ist der theorielose Zustand des Designs mehr als verwunderlich und die Situation paradox. Einerseits ist postmoderne Realität fast durchgehend durch Design vermittelt: Politik, Konkurrenz, Wissenschaft, Produktion, Alltag, Medien sind Projekte von Gestaltung, wenn auch nicht immer von professionellen Gestaltern. Andererseits beuten eine Vielzahl von wissenschaftlichen Disziplinen das Design empirisch aus: Ethnologie, Wirtschaft, Anthropologie, Kulturwissenschaften, Semiotik beschäftigen sich geradezu lustvoll mit Designprozessen, weil an Designprozessen, so meinen sie, Absicht, Ergebnis und Handlungen, deutlich auseinandergelegt und deshalb einfach zu analysieren sind. Doch weder die Publizität des Designs, noch die Okkupation des Phänomens durch andere Disziplinen sind Designtheorien. Wie ein Makel zeichnet diese Theorielosigkeit am Design sich ab: theorielos vermag Design am Diskurs der Macht nur mitzustottern, ist es auf Zaubersprüche, Lobbys und Ränkespiele angewiesen. Ist es die Unmündigkeit, die das Design so willfährig für alle Bereiche macht? Stehen die Gedankenlosigkeit im Design und seine Publizität gar in Zusammenhang? Immerhin erfüllt Papaneks Spruch, daß ein jeder Designer sein kann, sich in berufsschädigender Weise, und sensiblen Gemütern ist der Verfall im sozialen Status wie im Werte der Arbeitskraft der Designer seit langem spürbar. Von einem Statuszuwachs fürs Design jedenfalls kann nicht gesprochen werden. »Wir haben einzusehen gelernt, daß zu guter Letzt die menschliche Umwelt von Mächten geformt wird, die sich unserer Kontrolle entziehen. Wir sind in die zwielichtige Lage gestoßen, der Gesellschaft gegenüber eine Verantwortung auf uns genommen zu haben, die in Wirklichkeit von anderen ausgeübt wird. Entscheidungen werden von anderen getroffen, ohne uns, mehr als oft auch gegen uns. Daraus resultiert die allen bekannte und von allen durchlittene Situation. Niemals war es schwieriger gewesen als heute, der menschlichen Umwelt Struktur und Gehalt zu geben. Niemals ist die menschliche Umwelt chaotischer und irrationaler gewesen; niemals reicher an Gegenständen, niemals ärmer an einheitlichen und geordneten Strukturen. Niemals folglich war uns Architekten und Produktgestaltern so viel, und gleichzeitig so wenig aufgegeben. Niemals hatten wir so viele virtuelle und so wenig reale Möglichkeiten wie heutzutage. Niemals hat man uns so sehr gebraucht, und niemals hat man uns zu gleicher Zeit so wenig gebraucht.« so die Einschätzung von Maldonado; ziemlich dramatisch, sehr moralisch für heutige Ohren. Aber sie ist ja auch schon zweiunddreißig Jahre alt.


... lesen Sie weiter in form+zweck 14: Zur Anpassung des Designs an die digitalen Medien ...