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form+zweck 14

Zur Anpassung des Designs an die digitalen Medien

 

 

Ann Grove White

Jenseits des Buches

 

Annie White lehrt Grafikdesign in Cardiff und beschäftigt sich mit der Materialität von Typographie.

 

»Das Buch ist tot!« so der immer wieder zu hörende Ausruf derer, die überschwänglich die neuen Technologien preisen, die sich zweifellos in vielerlei Bereichen unseres heutigen Lebens bemerkbar machen. Aber was bedeutet denn dieses Schlagwort wirklich? Welche Vorstellungen manifestieren sich in ihm? Was verstehen wir, genau genommen, überhaupt unter einem Buch? Gewiß ist es zunächst einmal ein aus Wörtern und Vorstellungen hergestellter Text; aber es ist auch ein Gegenstand, ein Ding, das wir anfassen, mit dem wir physisch und emotional umgehen.

Über das Buch als Gegenstand ist vor allem diskutiert worden in Bezug auf limitierte Ausgaben von Künstlerbüchern. Diese Bücher werden gleichermaßen als Text und als Gegenstand betrachtet, Inhalt und Form gehen eine besondere Beziehung miteinander ein, die davon abhängt, was der Künstler vorstellen und mitteilen möchte. Wie hingegen wird das massenhaft reproduzierte Buch zu einem Gegenstand, der ein ganzes Bündel sehr spezieller und höchst persönlicher Bedeutungen für ein Individuum annehmen kann? Das ist bisher wenig untersucht worden. Auseinandergesetzt hat man sich vor allem mit dem Buch als Hülle des Autorentextes und mit dem Einfluß der Herstellungstechnologien auf die Form des Buches in seiner heutigen Gestalt.

Ich untersuche im folgenden, ohne zu einem Abschluß kommen zu wollen, Phänomene im Umfeld des Buches. Mich interessiert das Buch als Objekt - als etwas, das gebraucht und in belebten Räumen aufbewahrt wird, in unseren Wohnungen. Damit ist nicht unbedingt eine Abwertung der CD-ROM oder der Möglichkeiten elektronischer Publikationen beabsichtigt. Vielmehr soll geprüft und näher betrachtet werden, welche besonderen Aspekte des Buches die Herausgeber und Designer von CD-ROM-Software berücksichtigen müßten, wenn sie die Effektivität ihrer Programme und Technologien einschätzen wollen.


Diese Diskussion hat zu neueren theoretischen und historischen Forschungen über Konsumtion, Rezeption und Design geführt. Hier geht es weniger darum, wie der Gegenstand entworfen, produziert, vermarktet und vertrieben wurde, sondern eher um die Bedeutung oder den Zeichencharakter, den verschiedene Gegenstände vor allem innerhalb des Wohnbereiches für die Menschen annehmen, die Bücher besitzen. Viele neuere ethnographische Untersuchungen haben gezeigt, auf welche Weise Objekte zu Trägern von Bedeutungen werden können, die über die Vorstellung von Funktion oder Geschmack hinausreichen und unabhängig davon sind: als Chiffren einer bestimmten Persönlichkeit, als Erinnerung an wichtige Momente in der Lebensgeschichte eines Individuums, als ideeller Ausdruck seines Selbstbildes und seiner Identität. Das Buch als Objekt ist nicht unempfänglich für diesen Konsolidierungsprozeß der Identität, und er dürfte in der Tat ein wichtiger Aspekt sein, den die Hersteller von Multimedia-Produkten im Auge behalten sollten. Bis zu welchem Grade ist es überhaupt möglich, Multimediaprodukte zu personalisieren?

Der Einfluß der Technologie auf das Buch hat sich in vielen Bereichen des Designs und der neuen technologischen Industrie verstärkt. 1992 schrieb zum Beispiel Malcolm Garrett, ein führender britischer Grafik-Designer der Gegenwart, für die Zeitschrift GRAPHICS REVIEW einen Artikel mit dem Titel »Das Buch ist tot«. Darin kommt er zu dem Schluß, die Designer sollten die von den Multimedia erschlossenen Möglichkeiten zur Kenntnis nehmen und so »dem Fortbestehen einer zunehmend überholten Form der Speicherung und des Abrufens von Daten« den Kampf ansagen. Vor der Entwicklung die Augen zu verschließen, ist seiner Meinung nach »gleichbedeutend mit typographischer Ketzerei«. Nach der Behauptung, Bücher erreichten kein großes Publikum, seien kostspielig und ihr Inhalt »mühsam zu erschließen«, kommt er zu dem automatischen Schluß, die Publikation mittels elektronischer Medien liege »unleugbar in der Logik der Sache«.

Malcolm Garrett ist nicht der Einzige, der den Tod des Buches, wie wir es kennen, prophezeit hat: als ein Gegenstand mit Wörtern und Bildern, auf Papier gedruckt, gefaltet, geleimt, zwischen zwei Deckel eingebunden, in Regale gestellt oder auf dem Fußboden gestapelt. Es ist richtig, daß die Welt der Druckerzeugnisse im Wandel begriffen ist, daß sie versucht, die Möglichkeiten auszuschöpfen und sich der ›interaktiven‹ Herausforderung des Zusammenwirkens von Bild, Text und Klang auf CD-ROMs zu stellen.

Dennoch ist man unwillkürlich betroffen über die Art, wie diese neuen Multimedia-Technologien von ihren Vertretern idealisiert werden, so als würden sich diese technologischen Veränderungen autonom, irgendwo ›außerhalb‹ der Gesellschaft vollziehen und auf ihrem Marsch ins neue Jahrtausend und zu einer neuen Art von Gesellschaft nicht aufzuhalten sein.


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