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form+zweck 14

Zur Anpassung des Designs an die digitalen Medien

 

 

Chup Friemert

Mediatektur

 

Wenn digitale Medien dazu dienen, aus Räumen Ereignisse zu machen, dann mutiert Architektur zur Mediatektur. Entwickelt wurde diese neue Disziplin von der ag4, und das Projekt, an dem dies geschah, ist die Gestaltung der Konzernzentrale von Hoechst.

Die ag4, Gesellschaft für Mediatektur, ist eine Gruppe von Architekten und Designern, unter ihnen Ralph Sommer, Gründungsmitglied von Pentagon.

Weil Chup Friemert die Arbeit der ag4 mit den Entwürfen der mittelalterlichen Kosmaten verglich, regte sich auf der Macherseite Widerspruch. Wir veröffentlichen beides: Den Text von Friemert und die Entgegnung der ag4.


I

Das Corporate Center der Hoechst AG in Frankfurt, Eingangsbereich. Es ist in Frankfurts ältestem Hochhaus untergebracht, das zum Corporate Center umgebaut wurde. Die Vorstandsetage wurde um zwei Stockwerke aufgestockt und das Erdgeschoß vollständig neu konzipiert. Dies begleitet die geplante vollständige Umorganisation der Hoechst AG. Den Eingangsbereich, 42 x 21 m, also 884 m2 gestaltete die »ag4, Gesellschaft für Mediatektur, Köln«.

Quer zur Eingangsachse läuft eine aufsteigende gewellte Fassade aus grünem Glas und verläßt das Gebäude wieder auf der gegenüberliegenden Schmalseite. Sie ist durch eine rote Wand unterbrochen, welche die Fluchttreppe abschirmt. Gegenüber dem Eingang stehen zwei Empfangstheken vor einer gebogenen Kupferwand. Das Besondere des Entwurfs liegt aber weniger in diesen gewissermaßen klassischen architektonischen Elementen, sondern in den medialen. Zunächst bedeutet nämlich mediatektonisches Arbeiten technische Ausformung von Bauteilen, Erstellen von Programmen zur Anregung der Oberflächen, Bestimmung der Stimmungen und Auswahl der Sichtbarkeiten. Nötig ist der Zusammenklang von architektonischem Entwurf, designerischem Arbeiten, ingenieurhaftem Konstruieren, Programmieren und Inszenieren. Die Mediatektur, das Besondere der ag4 also, setzt sich aus den architektonischen Gliedern Boden, Wand und Decke zusammen, die aber neu, eben mediatektonisch aufgefaßt werden.


Boden und Stein

In einem gedachten, nicht im geometrischen Zentrum, unter einem kreisrunden, leicht aufgewölbten Himmel, markiert von vier Stützen, liegt ein Marmorstein. Auf ihn projiziert ein computergesteuerter Hochleistungsprojektor, Weiterentwicklung einer Technik, die bei Flugsimulationen verwendet wird, ein vierzehnstündiges Videoprogramm. Die projizierten Sichtbarkeiten kommen aus den Tätigkeitsbereichen der Hoechst AG, es sind unter anderem molekulare Strukturen, Darstellungen von organischen oder/und chemischen Verbindungen. Am Morgen ist die Stimmung beruhigt in Blau und nur leicht bewegt, im Laufe des Vormittags nehmen Farbe und Bewegung zu, der Mittag zeigt helle Sonnenfarben, der Nachmittag schnelle, bunte technische Bilder, dann schwingt die Stimmung über die Dämmerung mit blauen Wellen zu den phantastischen Sichtbarkeiten am Abend. Der speziell konstruierte Glasfußboden schützt Platinen, auf denen insgesamt elftausend Lichtdioden mit einem speziellen Computerprogramm ansteuerbar sind. Das Programm variiert die Lichtintensität und ergibt eine, vom Stein als Zentrum ausgehende, nach außen als auch von außen zum Zentrum hin laufende Assoziationsmöglichkeit mit Wasser.

Die Lichtsteuerung im Boden wird über Glasfaserkabel auf der Festplatte eines Hochleistungsrechners in abgespeicherten time codes synchronisiert. Die Steuerung liefert Wellenähnliches so als würde man einen Stein ins ruhende Wasser werfen oder Verwirbelungen, dann Strömendes und ruhig Fließendes, das sich mit den Projektionen auf dem Stein überlagert.


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