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form+zweck 14

Zur Anpassung des Designs an die digitalen Medien

 

 

Jörg Petruschat

Rezension zu Gui Bonsiepe

 

Bonsiepes Buch Interface. Design neu begreifen ist ein Appell, den trögen Zustand zu beenden, in dem der deutsche Diskussionszusammenhang zum Design sich seit Jahren befindet. Für Bonsiepe, der in Ulm lernte und lehrte, der Allende unterstützte, der lange Zeit in Florianapolis (Brasilien) ein Institut für Design und Medien leitete, der in den Softwareschmieden der USA die Denkweise der Computerwissenschaftler und der Programmierer kennenlernte, der als Designer an der globalen Peripherie immer die intellektuelle Bindung zu den Zentren Europa und USA hielt, folgte Anfang der neunziger Jahre einem Ruf der Fachhochschule Köln auf eine Professur. Zurück in Europa. Ich erinnere noch gut sein Eintreffen im Bundesrepublikanischen Designalltag, einen seiner ersten Auftritte auf einem Bonner Designkongreß, wo er den Deutschen den schicken und leichtgängigen Begriff Multimedia ersetzen wollte durch den Begriff der Hypermedien. Kaum jemand verstand ihn. Die Informationstechnologien waren in Deutschland überhaupt noch nicht konzeptionell begriffen.
Ich würde spekulieren, wollte ich Bonsiepe Enttäuschung unterstellen nach seiner Ankunft im Lande der Dichter und Denker, Enttäuschungen über die intellektuelle Lausigkeit, mit der hierzulande Design und Designöffentlichkeit betrieben werden. Derartige Enttäuschungen sind Bonsiepes Sache nicht. Es gibt mittlerweile sehr wenige Menschen seiner Integrität und seines Formats, die Kleines eben beim Kleinsein beläßt.
Das Buch ist kein geschlossener Text zum Design, kein Entwurf einer Designtheorie, wenn es auch nicht ohne eine solche im Hintergrunde geschrieben worden ist, wenn es auch auf eine solche zielt. Das Buch versammelt Aufsätze und Interviews aus den letzten zehn Jahren und sie markieren die eindringliche und dynamische Suche Bonsiepes nach Partnern für einen designtheoretischen Diskussionszusammenhang. Designtheorie, so Bonsiepe, ist ein integraler Bestandteil der Entwurfsarbeit, notwendig, wenn Design Anspruch auf Zukunft, und das heißt auf Umgestaltung realisieren will. Nicht, weil Designtheorie das Schatzkästlein utopischer Träume ist, auch nicht, weil Theorie etwas Vorschrift gibt, wie regelrecht entworfen werden muß, sondern weil Designtheorie die ästhetischen Artefakte analysierbar und damit kommunizierbar macht und hält, weil Designtheorie das entwerferische Bewußtsein auf eine Sprach- und damit Artikulationsebene hebt, die ihm Akzeptanz in der Arbeitsteilung der postindustriellen Gesellschaft sichert, die Kommunikation mit den Ingenieursdisziplinen, mit dem Management, mit den Nutzern schließlich herstellt. Nur über eine Begrifflichkeit, in der die Designpraxis aufgehoben ist, kann Design seine soziale, technische, kulturelle Funktion in hochgradig arbeitsteiligen Gesellschaften realisieren. Wer nichts versteht, so ließe sich Bonsiepes Credo etwas burlesk zusammenfassen, kann das, was er tut, andern nicht verständlich machen, der fällt aus dem Gefüge gesellschaftlicher Arbeitsteilung einfach heraus. Der darf dann Künstler sein.
Kommunikation ist denn auch das Schlüsselwort für Bonsiepes Reflexionen. Denn Design ist nicht nur eine Disziplin, die kommuniziert werden muß, wenn sie gesellschaftlich effektiv betrieben werden soll. Das Entwerfen selbst beruht auf dem Modell kommunikativer Praxis. Deren Zentrum wird von Bonsiepe mit dem Begriff Interface besetzt, einem Begriff aus der Informationstheorie, dort bezeichnet er die Schnittstelle zwischen Geräten oder Rechenprogrammen zur Realisierung des Informationsaustausches. Für das Design verwendet Bonsiepe den Begriff so: "Das Interface ist der zentrale Bereich, auf den der Designer seine Aufmerksamkeit richtet. Durch das Design des Interface wird der Handlungsraum des Nutzers von Produkten gegliedert. Das Interface erschließt den Werkzeugcharakter von Objekten und den Informationsgehalt von Daten. Interface macht Gegenstände zu Produkten. Interface macht aus Daten verständliche Informationen. Interface macht aus bloßer Vorhandenheit - in heideggerscher Terminologie - Zuhandenheit. ... Dabei ist zu bedenken, daß Interface nicht eine Sache ist, sondern die Dimension, in der die Interaktion zwischen Körper, Werkzeug (Artefakt, sowohl dingliches wie zeichengebundenes Artefakt) und Handlungsziel gegliedert wird. Genau das ist die unverzichtbare Domäne des Design."

 

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