s_fz14.jpg

 

form+zweck 14

Zur Anpassung des Designs an die digitalen Medien

 

 

Hans G Helms

Von der Lochkarte in den Cyberspace

 

Wer heute mit digitalen Medien arbeitet, nimmt sie als bunte Gabe des Informationszeitalters. Er hat die Verknüpfung von hardware und software zu akzeptieren und er ist damit auf bestimmte Programmkonfigurationen festgelegt. Der folgende Text zeigt, daß am Beginn der Rechnerentwicklung die Trennung von hardware und software stand, er zeigt, wer mit welchen Zielen diese beiden Entwicklungssäulen miteinander verknüpfte und ihre Entwicklung finanzierte.

Hans G Helms, in den fünfziger Jahren Schüler und Freund Adornos, Autor von »Fa:m' Ahniesgwow«, des ersten großen Versuchs, Sprache zu komponieren, Chronist des urban sprawls, Autor des legendären Films »Birdcage« über seinen Freund John Cage, beschäftigt sich seit langem mit der Entwicklung der künstlichen Intelligenz. Heute lebt Hans G Helms als freier Künstler und Privatgelehrter in Köln.


I

Begreift man Datenverarbeitung als die maschinelle Umsetzung von Daten in Steuerung von Arbeitsprozessen, die organisierte, als Produkte materialisierte Datengruppen hervorbringen, dann erkennt man: die Datenverarbeitung ist nicht bloß eben so alt wie die industrielle Revolution, sie ist vielmehr eines ihrer konstitutiven Elemente.


Die frühen Spinnmaschinen - angefangen mit James Hargreaves' 1767 erfundener Jenny über Samuel Cromptons Mule von 1779 bis zum Self-actor (oder Selfaktor) des Richard Roberts von 1825 - stellen, strukturell betrachtet, primitive analoge Regelkreise dar, die simple Produktionsprozesse steuern. Edmund Cartwrights mechanischer Webstuhl von 1785 symbolisiert hingegen schon einen vom Produkt, dem gewebten Tuch, bedingten verhältnismäßig komplexen Steuerungsprozeß. Für all diese frühen datenverarbeitenden Textilmaschinen gilt: das den Arbeitsprozeß steuernde Programm ist Bestandteil der Maschinenkonstruktion, es ist in die Maschine eingebaut.


Als Joseph-Maria Jacquard um 1805 den Musterwebstuhl erfand, da trennte er als erster die software von der hardware, das Steuerungsprogramm in Gestalt von Lochkarten von der Maschine, die nach den durch die Löcher in der Karte gegebenen Instruktionen arbeitet und - je nach Lochkarte und Programm - ein Gewebe mit diesem oder jenem Muster, in diesen oder jenen Farben mechanisch herstellt. Mit der Lochkarte führte Jacquard das bis heute die Grundarchitektur aller datenverarbeitenden Maschinen und Computer bestimmende binäre System in den Maschinenbau ein: wo die Nadel, die die Lochkarte abtastet, auf ein Loch, eine Eins, trifft, da findet Veränderung statt; wo sie jedoch auf Pappe, gleich einer Null, stößt, bleibt der Zustand unverändert.


Weniger als zwei Jahrzehnte später trennte der Ingenieur und Mathematiker Charles Babbage die Datenverarbeitung vollends von der Fabrikation materieller Güter ab. 1822 konstruierte und baute er mit Geldern der britischen Regierung eine Differenzmaschine, den direkten mechanischen Urahn der gegenwärtigen Computer. Die Difference Engine war imstande, vielgliedrige, bis zu sechsstellige Additionen und Subtraktionen fehlerfrei auszuführen. Die 1832 von Babbage konzipierte Analytical Engine, die auf analytischem Wege nahezu jedes arithmetische Problem hätte lösen sollen, war freilich mit den damaligen Werkzeugen und Materialien der Feinmechanik nicht zu verwirklichen.


... lesen Sie weiter in form+zweck 14: Zur Anpassung des Designs an die digitalen Medien ...