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form+zweck 15

Text, Textil, Textur
William Morris I

 

Anna Döpfner

Anfänge

 

Viele meinen, der Faustkeil sei das erste Werkzeug des Menschen. Diese Annahme beruht auf der alten englischen Vorstellung vom Menschen als dem tool making animal. Diese anthropologische Konstruktion entstammt den Zeiten der Industrialisierung des Menschen, der Verwandlung des menschlichen Körpers in Werkzeugbestand. Sie paßte auch gut zur patriarchalischen Vorstellung, der Mann ernähre mit seiner Hände Arbeit die Familie und Politik sei eine Sache der Fäuste.
Diese Annahme aber ist mit Sicherheit falsch. Richtig mag sein, daß der Faustkeil wegen der Feste seines Materials und der Vielfalt der Verwendungen, die er finden kann - Bohren, Schaben, Schneiden -, für Anthropologie und Archäologie einen exemplarischen Untersuchungsgegenstand darstellt. Falsch hingegen wäre es, daraus den Schluß zu ziehen, der Faustkeil habe Affen zu Menschen gemacht.
Für Anna Döpfner bezeugen Textilien, genauer: textile Behälter, die Heraufkunft der menschlichen Art. Im Unterschied zum Faustkeil, der individuell gebunden ist, sind textile Behälter Werkzeuge sozialer Natur: sie dienen nicht dem Schlagen oder Schneiden, sondern dem Sammeln und vorsorglichen Aufteilen.


1. Unsere Vorfahren waren Sammler
Während einige Forscher erst diejenigen als ›Menschen‹ bezeichnen, die der Gattung ›homo‹ angehören, und deren direkte Vorfahren, die Australopithecinen, zu den ›Vormenschen‹ rechnen, sehen andere bereits in einer Übergangspopulation zwischen Menschenaffen und Australopithecus den entscheidenden Schritt zum Menschen hin. Das spezifisch Menschliche ist nach dieser Auffassung das ausgeprägte Sammeln und Teilen von Nahrung im Gegensatz etwa zu den Affen, die Nahrung suchen und augenblicklich verzehren. Dieser Vorgang fand nach unterschiedlichen wissenschaftlichen Einschätzungen vor 3 bis 4 Millionen Jahren in der Savanne Afrikas statt.
Der Hauptteil der Nahrung unserer frühen Vorfahren bestand in zähen, ungekochten Pflanzenfasern, die sie kauten und zermahlten. Auf einen hohen Anteil an pflanzlicher Nahrung deutet die Beschaffenheit der Backenzähne hin. Körperbau und geringe Körpergröße erlaubten bestenfalls das Fangen und Verzehren kleinerer Tiere.
Die Nahrung wurde hauptsächlich durch Sammeln beschafft. Dieses Sammeln aber unterschied sich vom Abernten oder Auflesen vorgefundener Nahrung und dem sofortigen Verzehr an Ort und Stelle dadurch, daß die gesammelte Nahrung für späteren gemeinsamen Verzehr mit anderen Individuen an einen anderen Ort getragen wurde.
Die Fähigkeiten zur Vorsorge und zum Teilen wird am ehesten durch die Mütter entwickelt worden sein, die eng an ihre Nachkommen gebunden waren: In der offenen Savanne Afrikas, dem hauptsächlichen Lebensraum jener Population zwischen Australopithecus und Homo sapiens, lagen die eßbaren Pflanzen weiter auseinander, und es brachte einen Überlebensvorteil mit sich, Vorräte anzulegen. Vermutlich hat das Sammeln die Aufrichtung im Gang befördert: einerseits wurde beim Sammeln Übersicht über mögliche Angreifer gewahrt, andererseits hatten sammelnde Mütter meist Grund, aufrecht zu gehen, weil sie auch viel zu tragen hatten - nämlich ihre Kinder, die gesammelte Nahrung und etwaige Hilfsmittel. Aufgrund dieser buchstäblichen Be›last‹ung waren Frauen auch weniger geeignet zum Jagen. Ein Jäger kann nicht das Risiko eingehen, durch ein unvorhersehbares Geräusch eines Kleinkindes ein Tier zu verjagen. Sammeln läßt sich dagegen sehr gut mit der Betreuung von Kindern vereinbaren.

2. Die Ausrüstung
Welche Werkzeuge sind nun auf diesen Sammelzügen nach pflanzlicher Nahrung denkbar?
Zunächst einmal müssen die Werkzeuge organisch gewesen sein. Steinwerkzeuge finden sich erst 1,5 Millionen Jahre nach den ersten Hominidenfunden. In der Zwischenzeit müssen unsere frühen Vorfahren organische Werkzeuge benutzt haben, die heute archäologisch sehr schwer nachzuweisen sind.
Sicher haben unsere Vorfahren analog zu den Stöcken, mit denen Schimpansen nach Termiten angeln, Stöcke zum Ausgraben von Wurzeln, Knollen, Larven usw. verwendet. Mit Stöcken können auch Früchte und Nüsse von den Bäumen geschlagen werden. Der Grabstock war so etwas wie eine Verlängerung des Armes oder des Fingers.

 

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