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form+zweck 15

Text, Textil, Textur
William Morris I

 

Chup Friemert

Auf geht'! Von nowhere nach now here.

 

Auf den Flächen Großbritanniens wuchsen seit Mitte des 19. Jahrhunderts unübersehbar nicht mehr nur Pflanzen und grasten nicht mehr nur Tiere, sondern Fabriken, Kohlegruben, technische Transportwege und Städte ergriffen den Raum. Die Landwirtschaft verwandelte sich von einer jahrtausendelang die Gesellschaft bestimmenden Produktions- und Lebensweise zu einem bloßen Produktionszweig, der 50 Jahre nach Morris' Tod in Großbritannien bedeutungslos war. Zu seiner Zeit, um 1851, kontrollierte eine Gruppe von etwa viertausend Grundbesitzern, die vier Siebentel des bebauten Landes besaßen, die politische und gesellschaftliche Struktur Großbritanniens. Sie verpachtete das Land an ungefähr eine Viertel Million Bauern, die ihrerseits wieder um 1,25 Millionen landwirtschaftliche Lohnarbeiter beschäftigten. Bis 1885 besaßen die Grundbesitzer die absolute Parlamentsmehrheit, die counties (das Land) konnten mühelos die boroughs (die Städte) überstimmen. Das änderte sich vollständig nach dem ersten Weltkrieg, als die Grundbesitzer sich zurückzogen, oder, wenn man will, politisch geschlagen waren.

In solchen Zeiten prallen Lebensweisen aufeinander, und gegebene, gewissermaßen naturalisierte Lebensformen werden von neuen Erfordernissen in Frage gestellt. In einem Modernisierungsvorgang müssen die Sozial- und Geschlechterverhältnisse neu geregelt werden. Hinreichend abgesichert, mit der Evidenz erfolgreicher Sozialgeschichte ausgestattet, braucht Herrschaft keine Legitimation: Sie hat sich eingeschrieben sowohl in den sozialen Körper als auch in den individuellen. Nicht so, wenn ein neuer Sozialtyp im Entstehen begriffen ist. Da bedarf es der Legitimation, da muß argumentiert werden, da gilt es, aus gegebenen Handlungen evidentes Sein - oder mindestens den Schein der Evidenz - zu erzeugen. Dies geschah niemals nur durch Reden, nur eine neue soziale Praxis kann einen neuen sozialen Körper formen, und diese Formung geht nicht ohne Auseinandersetzung ab. In solchen Momenten der Geschichte kann nicht mehr einfach der Tradition gefolgt werden, das, was in weniger umstürzlerischen Zeiten ›normal‹ erscheint, was als gesellschaftliche Praxis üblich ist, zeigt sich deutlich als nicht einer unveränderlichen oder gegebenen Natur angehörend, sondern als Ergebnis von Entscheidungen, in gewissen Grenzen von Wahl. In solchen Situationen erscheinen Geschichte und Gesellschaft, Lebensform und unmittelbare Zukunft machbar, frei also, und das ist die Zeit der Entwürfe, der Utopien und auch der großen Illusionen.

Um im viktorianischen England nach 1848 stabilere Sozialverhältnisse herzustellen, was vor allem bedeutete, eine neue Sozialform für die Lohnarbeiterschaft zu setzen, mußte ein neuer Typus von Zusammenleben angeboten und durchgesetzt werden. Der Gefahr einer Radikalisierung der Arbeiterklasse - von ihr schien die größte Bedrohung für die bestehenden Verhältnisse auszugehen - , begegnete ausdrücklich eine spezifische Art der Familialisierung, wobei Genossenschaft, adoptierte Lebensgemeinschaft, Tischgenossenschaft als mögliche Formen in den Hintergrund geschoben wurden, besonders die legale Ehe ersetzte das ›wilde‹, staatlich nicht kontrollierte Zusammenleben. Entscheidend für eine erfolgreiche Strategie solcher Familialisierung war zunächst, daß die Möglichkeit zur Gründung einer Familie nicht mehr an ein ausreichendes Vermögen gebunden wird, was allerdings vorweg eine ›Einsicht‹, eine Unterwerfung bei den niedrigen Klassen forderte, nämlich die freiwillige Beschränkung der Geburtenzahl. Hier drängt sich die Einsicht auf, daß für die qualitative Beurteilung von sozialen und politischen Umwälzungen die Geburtenrate ein Indikator dafür ist, ob es sich um eine Revolution oder um eine Konterrevolution handelt. Revolutionen ziehen in der Regel einen deutlichen Anstieg der Geburten nach sich, was sich aus einer allgemeinen optimistischen Vorstellung einer machbaren Zukunft herleiten dürfte. Die Machbarkeit der Zukunft für die unteren Klassen, somit ein Zugriff auf ihre Vorstellung von sozialer Realität war viktorianisch nicht im Versprechen einer zahlreichen Nachkommenschaft gefaßt, sondern im Versprechen eines höheren Lebensstandards - bei Verzicht. Mit diesem realistischen Angebot erreichte die Macht tatsächlich jene Form von Zustimmung von den Beherrschten, die nicht auf der freiwilligen Entscheidung eines wie auch immer aufgeklärten Bewußtseins beruht, sondern auf einer unmittelbaren, vorreflexiven Unterwerfung der sozialisierten Körper. Die Wirklichkeit bewies einen Zusammenhang von höherem Lebensstandard und familialer Verfestigung, die Einschränkung von Frauen- und Kinderarbeit als sozialpolitisch, staatlich garantiertes Pendant flankierte die Verbesserung der Lebenschancen und stabilisierte das Interesse an Ehe und Familie mit. Die Möglichkeiten zur Erweiterung des Konsums halfen zudem, die Trennung des Innen des Hauses und der Kleinfamilie gegenüber Straße und Kneipe zu vertiefen. Von der proletarischen Frau als Hausfrau und Mutter wurde die soziale Zügelung ihres Mannes und ihrer Kinder erwartet, die Grenze zwischen familialem und sozialem Leben und innerhalb der Familie zwischen den Geschlechtern und Generationen wurde nach bürgerlichem Vorbild neu gezogen. Das ist das viktorianische Modell. In ihm erschien auch eine neue Form der geschlechtlichen Differenzierung notwendig, die sich zunächst im Mittelstand ausprägte, denn besonders die Frauen des Mittelstandes hatten auf Grund ihrer sozialen Rolle neue Aufgaben, sahen sich selbst neu und wurden neu gesehen. Die Herstellung von Erben, das Aufziehen derselben, das Führen eines repräsentativen, die kulturellen Standards vorzeigenden Haushalts, der Ausschluß der produktiven Arbeit aus der Familie, die Verfestigung der neuerlichen und radikalen Trennung der privaten Sphäre der Familie von öffentlicher Politik, von (männlichem) Außen und (weiblichem) Innen, von Geschäft und Gefühl, - das wurden ihre Aufgaben und bildete ihre Handlungssphäre.

 

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