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Text, Textil, Textur
William Morris I

 

Oskar Negt

Der Sozialismus des William Morris. Eine andere Vorstellung von Arbeit.

 

Meine Damen und Herren,
ich bin in einer gewissen Verlegenheit aus mehreren Gründen. Zum einen ist diese Veranstaltung der Abschluß einer Reihe, bei dem man unmöglich die Sachen, die vorher gesagt worden sind, wiederholen möchte. Da ich aber nicht weiß, was gesagt wurde, ist das insbesondere schwierig, sich auf einen Stand rückzubeziehen, den man nicht kennt. Zweitens wechselt bei solchen Reihen das Publikum. Und drittens, das ist die größte Verlegenheit, damit möchte ich meinen Vortrag auch beginnen, ist der Tatbestand, daß in meinem eigenen Bewußtsein dieser William Morris seit meiner Studentenzeit ins Unterbewußte oder Vorbewußte gerutscht ist. So, als Herr Friemert mich einlud mit einem Fax; ich dachte zunächst, es wäre falsch geschrieben, es würde Marx heißen. Mir sei nur ein Morris bekannt, mit dem Vornamen Charles, ein Logiker, ob er den meinte? Nein, telegraphierte er zurück, das ist der William Morris, ein Sozialutopist, ja utopischer Sozialist, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebte und großen Einfluß hatte in bestimmten Fraktionen der deutschen Sozialdemokratie und der europäischen Sozialdemokratien. Und erst als mir die Identität der Person klar war, blätterte ich in meinen Notizen von vor 30 Jahren nach und fand dann die Auseinandersetzung mit William Morris wieder.
Ich möchte hier anknüpfen. Denn es ist für mich selbst ein wichtiger Tatbestand gewesen, daß bestimmte widerständige, eigensinnige Projektierer der Zukunft, wie ich Morris nennen möchte, nicht nur in der offiziellen Geschichtsschreibung dieses Jahrhunderts praktisch abgedrängt sind auf Spezialgebiete, sondern aus der Geschichte des Sozialismus, zu der Morris gehören wollte, komplett ausgegrenzt worden sind. Morris ist auch ein Opfer der Ausgrenzungsgeschichte, der durch Marxsches und sozialdemokratisches Denken dominierten Geschichte des Sozialismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, aber auch im 20. Jahrhundert. Diese Ausgrenzung hat folgende Gründe: Wir wissen, daß Marx und Engels sich abschätzig über Morris geäußert haben. Immer in dem Sinne, ein begüterter Gefühlssozialist, so hat ihn Engels bezeichnet. Ein begüterter, ein kapitalistischer Gefühlssozialist, heißt das im Grunde. Und der zweite Punkt der Ausgrenzung betrifft die Frage, wie ist denn so etwas wie Sozialismus überhaupt strategisch-organisatorisch zustande zu bringen. William Morris hat sich nie darauf eingelassen, alles Vertrauen auf die Großorganisationen der Parteien zu setzen, sondern hat stets in kleinen überschaubaren gestaltungsfähigen Organisationsformen gearbeitet. Das entsprach seinem eigenen Prinzip von Künstlertum, von Produktivität, auch von Handwerk. Morris ist davon ausgegangen, daß Sozialismus nicht ein fernes Ziel ist, das irgendwie durch eine zur Substanz erhobene Agentur der Geschichte, dem Proletariat etwa, umgesetzt werden könnte, hier und heute muß gestaltet werden, was als Alternative Überzeugungskraft zum Bestehenden gewinnen will; daß die Schritte zur Veränderung der Gesellschaft, Wege und Umwege (wohl auch Abwege und Irrwege!) zur Veränderung der Gesellschaft genauso wichtig sind, wie das Ziel, das man im Auge hat. Wilhelm Liebknecht hat Morris noch verehrt, aber in der späteren Sozialdemokratie ist Morris dann immer stärker in die abgewertete Tradition der utopischen Sozialisten gedrängt worden, beginnend mit Robert Owen, Fourier, die »Phalanstères« Fouriers, Saint-Simon, eine reichhaltige Sammlung, ein umfangreiches Arsenal von Projektierern und Projekten der neuen Welt, einer neuen Welt, aber eben doch, das ist von dieser Seite der vernichtende Doppelvorwurf, weder gegründet auf eine methodisch fundierte Analyse des Kapitalismus noch bezogen auf die Erwartungen an die revolutionäre Kraft des organisierten Proletariats. Das hat zu einer eigenen Ausgrenzungsgeschichte geführt.
Jetzt zu der Frage, die mir die Veranstalter gestellt haben: Wie steht es mit der Arbeit, einer anderen Arbeit? Da muß ich mich zunächst in konzentrischen Kreisen bewegen, um an das Thema heran zu kommen. Selbstverständlich ist diese Frage, was der Gebrauchswert der Arbeit ist, was die spezifische Ausprägung der Arbeit ist, immer auch dann gestellt worden, wenn der Tauschwert der Arbeit als das Entscheidende betrachtet wurde. Der Tauschwert der Arbeitskraft ist dasjenige, was in Beziehung zum Kapital tritt und der Gebrauch der Arbeitskraft ist gleichsam die Produktion, die aber in anderer Hand liegt und deren Resultate auch von anderen angeeignet werden. Denn in der klassischen Ökonomie schon, nicht erst bei Marx, ist dieser Widerspruch zwischen Gebrauchswert und Tauschwert der Arbeitskraft der entscheidende Punkt der politischen Ökonomie, ja der modernen Welt. Der Kapitalist, der Kapitaleigner schießt mit einem Geldteil vor, kauft das Vermögen, aber, was jetzt mit diesem Vermögen in der Produktion gemacht wird, gehört ihm, in den Resultaten und in den Formen der Realisierung der Arbeitskraft. Das geht bei Marx so weit, daß nur die Arbeit als produktiv gilt, die durch das Kapital vermittelt ist, also den Status kapitalbildender, mehrwertbildender Arbeit hat.

 

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