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form+zweck 15

Text, Textil, Textur
William Morris I

 

Jörg Petruschat

Editorial

 

I

Der Architekt Gottfried Semper hat Mitte des 19. Jahrhunderts eine Theorie der Bekleidung entwickelt. Er wollte damit das bloße Recycling von Formen, das zu seiner Zeit üblich war, beenden und dem architektonischen Entwerfen neue Perspektiven eröffnen. Semper sah den Ursprung der Architektur im Textilen, im Weben und Flechten mit der Hand, in der leichten Architektur der Nomaden. Die Gewandung umhüllt den Raum menschlicher Kultur, an ihr drückt Gestik und die Zuneigung sich ab. Das archi-textum umgrenzt den Ort, den Herd. Die Feierlichkeit, das Fest geben der Gewandung Muster und Ornat. Semper soll gesagt haben, Wände seien dazu da, Teppiche an ihnen aufzuhängen. Tatsächlich stellte er das Symbolisch-Kulturelle höher als das Technisch-Konstruktive. Im Kulturellen, nicht in der Technik des Bauens sah Semper die Zweckmäßigkeit der Architektur. Daß Wände ein Dach zu tragen haben, daß die Konstruktion Gesetzlichkeiten unterliege, übersah Semper nicht. Aber diese Probleme waren ihm bloß technischer Natur, keine Aufgaben ästhetischer Art. Semper hatte früh verstanden, daß Symbole die Menschenwelt begründen, daß Natur mit ihnen nur bezeichnet, das heißt: erhöht und gesteigert werden kann. Wunderbar erschien ihm das Griechische, das Zierat mit demselben Wort benannte wie das gestirnte Himmelszelt.

Diese Bekleidung der naturgesetzten, der technischen Welt durch symbolische Kultur gibt Semper eine merkwürdige Aktualität. Nach dem kurzen Intermezzo, in dem Formen angeblich Funktionen folgten, die Technik selbst zu symbolischer Kraft gesteigert, die Teppiche von den Wänden gerissen, die Fassaden von den Häusern, die Ornamente von den Tassen geschlagen wurden, sind heute vor die Technik abermals Symbole aufgehängt. Die Rechner, persiflierte einer unbewußt den Semper, seien ja nur dazu da, um Entwürfe an ihnen vorzustellen. Doch halt: diese Vorstellung der Symbole ist nicht menschlicher Art. Technisch ist ihr Ursprung. Diese Symbole sind nicht Ausdrücke der Menschenhand, kein Körper, keine Sehnsucht spricht in ihren Linien sich aus. Die Verknüpfung von Körper und Symbolik ist heute aufgelöst. Elektronische Prozessierung von Zeichen wird denn auch Symbolverarbeitung genannt: eben weil Symbole durch Elektronen (und nicht durch Menschenhand) verarbeitet werden. Das Graphische ist schon verschwunden - räumlich werden interfaces simuliert. Dieses Auffressen der symbolischen Welt durch die digitalen Technologien ist es, die Sempers Bekleidungstheorie heute ins Aberwitzige zieht. Verrückt sein Anspruch, der Technik ein Dasein und der Kultur Autonomie zu geben.

 

II

Just in time wird Gestaltung von allen Keimen kultureller Autonomie gereinigt. Angestöpselt an digitale Technologien verschlingt das Design die symbolische mit der technischen Welt. Ohne Symbolverarbeitungsmaschinen ist Gestaltung unvorstellbar schon geworden. Ateliers müssen Hacker und Informatiker mieten, die Güte von Entwurfsleistungen wird an ihrer Digitalisierbarkeit (an der Zerlegbarkeit der kulturellen Welt) gemessen - nur so ist es vorstellbar (in Katalogen und auf web-sites), nur so ist es kalkulierbar (rechnet es sich), nur so ist es herstellbar (ansteuerbar in der Produktion und verteilbar durch die distributers). Die Verluste an professioneller Besonderheit und Kompetenz jedoch sind weit fataler: Allgemeinverständliche Bedienoberflächen haben das Gestaltungsmonopol gebrochen und man weiß nicht recht, ob es tragisch, komisch oder bloß demokratisch ist, daß jede Optimierung der software-interfaces durch Designer Designer brotlos machen wird. Digital ertüchtigte Bürger werden ihre Lebensmuster selbst zusammenstellen und die Fabrikationssysteme - Gentechnologie ist gerad der letzte Schrei - liefern sie hemmungslos aus. In einer elektronisch eingeschränkten Welt ist Design nichts anderes als redundant: Geschwätz der Technik.

 

III

Viele glauben mittlerweile, die europäische Kultur sei von Ursprung und Tendenz eine Medienkultur. Die Post habe Absender und Addressaten erzeugt, Radios die Hörigkeit, das Fernsehen die Manipulation, die Arenen die Stiere, die Troquateure und die roten Fahnen. Mit der Titanic, so fürchten oder wünschen sie, gingen gleich die ganze mechanische Kultur, und das heißt eben auch: unser Körpermaschinchen, unter, und Zukunft sei, mit warp 2 in die Turing-Galaxis einzubiegen. Das ist schlicht und es ist falsch. Bevor nämlich das Buchstabenwissen durch fleißige Trucker und bewegliche Lettern massenhaft produziert, reproduziert und verlegt wurde, gab es bereits industrialisiertes Gewerbe kultureller Bedeutungsträger - nicht als Medienereignis, nicht in buchstabierter Form, nicht virtuell, sondern stofflich: als Textil. Aus der Textilherstellung stammen die Begriffe von Muster und Standard, mit denen die moderne Entwicklung beginnt. Daher kommt im Design wie in der Produktion die Strategie, Verbindlichkeit durch Vorlagen herzustellen. Über textile Speicherung erreichte fremde Kultur (chinesische, arabische, indische, slawische) die europäischen Haushalte, vermögende und weniger vermögende. Bei der Verflechtung von Geweben entstand das Prinzip industrieller Reproduktion und planmäßig disziplinierter Arbeit, und nicht bei der Vervielfachung von Buchstaben, wie Medientheoretiker neuerdings nicht müde werden zu behaupten. Selbst die Sammlung, Weiterreichung, Verstärkungen, Verwaltung von Symbolen - die matrix der Medien - geht, so scheint's, auf die textile Musterung zurück.

 

IV

Ohne Textilverarbeitung keine Symbolverarbeitung. Vom Webstuhl stammt die digitale Programmierung von Prozessen her, die Lochkarten zur Steuerung der mechanischen Apparatur wurden von Jacquard mit Garn verknüpft.

Dieses Ineinander und Auseinander von textil processing und text processing hat unser Interesse, am Ursprung von Musterbildungen, an der Herkunft von Geweben geweckt, an künstlichen Häuten, an Bekleidungen, die umhüllen, auszeichnen, normalisieren. Bevor Lautsprache auf Bilder gestützt, ja bevor in Knochen, Holz und Steine Graphen gegraben wurden, gestikulierten Hände das Verbindende und Trennende, das Entwirren und Verflechten.

War die Musterung durch Kette und Schuß Vorbild für Zeilenfall und Formatierung? Ist das Gewebe, Urbild der Rasterfahndung, der Koordinatensysteme, des Regals wie des Gitters, ein Archetypus von Ordnung, von Vergleichbarkeit, von Typisierung? Beruhen Tabellen, Diagramme, Statistiken auf dem koordinierten Einfangen der Realität in textilen Strukturen?

 

V

Text und Gewebe, alphabetische und geknüpfte, numerische und synthetische, wirken als Oberfläche: das Auge liest sie ab, die Hand fühlt den Stoff, das Papier. Texte entstammen Druck- und Schichtungsprozessen. Textilien entstammen Verknüpfungsoperationen, ihre Gestalt ist nicht aufgetragen, sondern räumlich konstruiert. Sie geben den Händen, was der Text dem Auge nicht geben kann: eine begreifbare Wirklichkeit. Daß Textilien begreifbarer sind als Texte hat ihren kulturellen Status nicht erhöht. Das Gegenteil ist der Fall. Unbegreiflichkeit ist the state of the art. Nicht die Hand, das Auge ist das herrschende Organ, und es ist gerade die Unfähigkeit des Auges zum Begriff, zur Mechanorezeption, es ist die Unangreifbarkeit des Blickes, auf der die Überwachung und Kontrolle der Handbewegungen beruht.

Für warenproduzierende Gesellschaften ist das Verhältnis von Auge und Welt im Fluchtpunkt, pyramidal gefaßt. Seit der Renaissance gehört das Auge nicht dem Handarbeiter, der zwischen den Dingen, sondern dem Kopfarbeiter, der über den Dingen steht. Moderne Entwicklung beginnt mit einer Aufteilung und sozialen Hierarchie der Sinne: die Augen und Münder für die Kommandeure, die sind vorn, Hände und Ohren für die Werktätigen, die sind seitwärts angebracht.

Für das Kommando und die Kontrolle der Hände wurde die Motorik der Hand den Augen integriert, Planimetrie und Anschauung dominieren Produktion und Gebrauch. Mechanische Verkettungen, Form- und Kraftschluß vertrieben schließlich Hand und Körperkraft aus den Maschinsystemen und übertrugen die handgreifliche Wirklichkeit vollends dem Augenblick. Der begriffliche Apparat degenerierte. Überschießende sexuelle Energien wurden in Leibesübungen kanalisiert oder beim Fernsehen ausgesessen.

Seit den Händen das Begreifen genommen wurde, verlieren auch die Texte ihre begriffliche Präzision - Sprache heute ist ein Spiel der Worte. Plötzlich wird erkennbar, daß die Einführung der Perspektive in das Sehen auf die ausgestreckte Hand gegründet war. Der Distanz beraubt schlagen Augen nun auf Oberflächen. Buchstaben werden zu unüberwindlichen Hindernissen, Lesehemmungen werden schick drapiert. Ohne Begriff sind die Dinge nicht umfassend mehr, Rückwärtiges wird unerreichbar. Oberflächen ringsumher. Augen fingern Tastaturen. Das Erschrecken hat die Unbegreiflichkeit verloren.