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form+zweck 15

Text, Textil, Textur
William Morris I

 

Angela Hauser

Filz

 

Die Designerin Angela Hauser filzt Dinge, die zwischen brauchbaren Haushaltsgegenständen und Kunstobjekten changieren. Während ihrer Beschäftigung mit diesem Material mußte sie feststellen, daß sie »voll in einem Trend liegt«, der eine »ganz ursprüngliche Sprache« spricht. So untersuchte sie die Herkunft und die Eigenschaften von Filz, stieß auf Unterschiede von Hand- und Industriefilzen, auf traditionelle und heutige Verwendungsweisen.
Sie beobachtete, daß die Sprache eines Materials abgenutzt wird, daß gerade die funktionalen oder ökologischen Vorteile von Filz übersehen werden, wenn es Designern nur um oberflächliche Abziehbilder geht, die sie natürlichen, historischen oder künstlerischen Zusammenhängen entnommen haben.


I
Die Erfindung des Filzes liegt wahrscheinlich über 7000 Jahre zurück. Sie wird den Nomaden Eurasiens zugeschrieben. Die bedeutendsten frühen Filzgegenstände fand man 1970 in den Hügelgräbern des südsibirischen Altai-Gebirges. Diese Textilien waren Gebrauchs- und Kultgegenstände der Skythen, einer einflußreichen Hochkultur nomadisierender Hirten. Die Skythen lebten vom siebten bis zum dritten Jahrhundert vor Christi in den Steppengebieten Zentralasiens. Ihre Filzwandbehänge, Filzteppiche, Satteldecken zeugen von einer bereits hochentwickelten Kunstfertigkeit.

Für die Nomadenvölker Eurasiens besaß Filz eine existentielle Bedeutung. Ihre Lebensgrundlage war die Tierhaltung. Die Suche nach neuen Weideplätzen verlangte einen ständigen Ortswechsel. Wolle war ein verfügbarer und nachwachsender Rohstoff, der leicht zu Filz verarbeitet werden konnte. Filz schützte vor Hitze und Kälte, Nässe und Wind des kontinentalen Klimas und diente daher als Bauelement der Jurte. Noch heute leben Nomadenfamilien in Zentralasien, zum Beispiel in der Mongolei, in Jurten. Für sie gibt es keinen gleichwertigen modernen Ersatz.

Die Jurte ist ein mit Filzmatten verkleideter transportabler Rundbau. Sie besteht aus einem Holzscherengitter und einem aus gebogenen Stangen konstruierten Kuppeldach.

Vermutlich gab es das Filzen noch vor den Techniken des Spinnens und Webens. Die Erfindung des Webens setzte ja die Erfindung des gesponnenen Fadens voraus. Die filzende Eigenart der Wolle lernte der Mensch vielleicht im unmittelbaren Kontakt mit den losen Fasern kennen, die an einem Baumstamm oder Strauch zu finden waren - wie heute die Wollflocke am Drahtweidezaun: Schon das Reiben in den Handflächen verfilzt die Wolle zu einem Knäuel.

Mit der Herstellung des Filzes war die erste Voraussetzung geschaffen, wärmende und schützende Kleidung herzustellen, ohne ein Tier wegen seines Felles zu töten. Als ein von Menschenhand unmittelbar aus der Wolle des Tieres hergestelltes Produkt beschreibt Filz damit eine elementare Beziehung zwischen Mensch und Natur. Diese Unmittelbarkeit ist für den handwerklichen Filzungsprozeß ein wesentliches Merkmal. Im Unterschied hierzu ist die Herstellung eines Gewebes ein weitaus komplexerer Vorgang, der nach einer logisch aufgebauten Verflechtung von Fäden erfolgt.

 

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