s_fz15.jpg

 

form+zweck 15

Text, Textil, Textur
William Morris I

 

Regina Lösel

Metaphern

 

Das Textile, das Weben und Wirken, die Fäden, das Spinnen, Schleier und Gewebe sind nicht nur Worte, die Gegenstände oder Tätigkeiten bezeichnen. Sie begegnen uns auch als Metaphern. Metaphern sind Übertragungen, bei denen ein gewöhnlicher Ausdruck bildhaft gebraucht wird. Metaphern stehen für etwas und sie haben eine Geschichte.


Das Auslegen der einzelnen Fäden. - Die Philosophen

Die Antike
Das griechische Wort mekyno, was mit spinnen übersetzt wird, lautet wörtlich übersetzt: ich ziehe in die Länge. Beim Spinnen mit der Hand geht es darum, die Rohwolle durch Drillen in die Länge zu ziehen und dann mit der Spindel zu drehen, um so ein ungeordnetes Material zu strukturieren und einen Faden in der gewünschten Form herzustellen. Das Spinnen mit dem Kopf bedeutet das gleiche: ein diffuses Knäuel von Lauten, Worten und Sätzen zu einem Text-Gewebe verarbeiten.
Die Bedeutung des In-die-Länge-Ziehens kann aber auch einen negativen Klang erhalten. So mahnt Alkibiades den Sophisten Protagoras, er solle sich endlich auf einen Dialog mit Sokrates einlassen und nicht »nach jeder Frage eine lange Rede ausspinnen (makron logon apoteion), der Frage ausweichen und anstatt Rede und Antwort zu stehen, immer weiter reden (apomekyon).«
Platon vergleicht die Tätigkeit des Dialektikers mit der Arbeit des Weberschiffchens. Wer mit dem Weberschiffchen umgeht, muß die Fäden nach Muster und Qualität auseinanderhalten und verknüpfen. Platons Ideengeflecht klingt noch heute in der modernen angelsächsischen Philosophie des conceptual network nach.

Nach Demokrit (460 - 371 v. Chr.) sind »wir Menschen in den wichtigsten Dingen Schüler der Tiere geworden, so der Spinne beim Weben und Nähen ... - indem wir sie nachahmten« . Heraklit verwendet die Spinnenmetapher zur Beschreibung der menschlichen Seelenfunktion: »Wie die Spinne, die in der Mitte ihres Netzes sitzt, merkt, sobald eine Fliege irgendeinen Faden ihres Netzes zerstört und darum schnell dahin eilt, als ob sie um die Zerreißung des Fadens sich härmte, so wandert des Menschen Seele bei der Verletzung irgendeines Körperteils rasch dahin, als ob sie über die Verletzung des Körpers, mit dem sie fest und nach einem bestimmten Sinn verbunden ist, ungehalten sei.«
Auch in der Stoischen Philosophie wird die Spinnenmetapher aufgegriffen: »Das seelische Kraft- und Organisationszentrum befindet sich im Herzen. Von hier aus breitet es sich, wie die Äste und Zweige eines Baumes, wie das Netz einer Spinne ... aus.«

Zeitsprung ins 18. Jahrhundert
In der Popularphilosophie des Christian Garve (1742 - 1798), einer gegen das Systemdenken gerichteten Aufklärung, wird Denken als »Selbstdenken verstanden, als Weiterspinnen der eigenen Gedankenfäden, nicht mehr als Abspulen eines vorgefertigten Fadens innerhalb eines Systemdenkens« . Für Garve ist Ausgangs- und Endpunkt der Philosophie die unmittelbare menschliche Erfahrung. In seiner Schrift ›Von der Popularität des Vortrages‹ (1776) heißt es: »Der Philosoph wendet sich unmittelbar an gemeine Erfahrungen, aus denen er seine Sätze herleitet. Der Mathematiker und der Künstler kömmt auch zuletzt auf diese gemeinen Erfahrungen, als die ersten Materialien aller Kenntnisse zurück - aber erst durch stufenweise Auflösung der künstlichen Gewebe, welche er und seine Vorgänger aus denselben gesponnen hatten.« Nach Garve hat eine Fachphilosophie ihre Basis in der populären Philosophie oder im Selbstdenken von jedermann. Bei seiner philosophischen Arbeit fordert er von sich und seinen Kollegen einen klaren Aufbau und eine übersichtliche Gliederung. »Die Terminologie ist der Faden der Ariadne, ohne welchen oft auch der scharfsinnigste Kopf seine Leser durch das dunkle Labyrinth abstrakter Spekulationen nicht würde durchführen können. Wenn dieser auch nicht immer deutlich sieht, so fühlt er doch zu seiner Beruhigung, daß er den Faden noch immer in der Hand hält und hofft auf den Ausgang.« Noch in einem anderen Zusammenhang bedient Garve sich der Fadenmetapher. Dabei ist das Philosophieren selbst der Faden des Denkens. »Wenn die Seele einmahl in Arbeit und Bewegung ist; wenn sie einmahl den Faden des Denkens in der Hand hat, so geht sie geschwinde von der Nachbildung fremder Begriffe zur Hervorbringung eigener über.« Der Faden ist ein Anfang, an dem man sich entlanghangeln kann, um das Philosophieren voranzutreiben.
Der Faden zeigt einen Ausweg aus einem festgefügten Systemdenken. Er wird zum Gleichnis eigenständigen Denkens.

 

... lesen Sie weiter in form+zweck 15: Text, Textil, Textur ...