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form+zweck 15

Text, Textil, Textur
William Morris I

 

Kerstin Kraft

Schnittmuster

 

»Schnitt« - der Begriff trägt etwas Endgültiges, Irreversibles in sich. Thanatos beendet schneidend das Leben, der Chirurg - vielleicht - das Leiden, dem heutigen Cineasten wird das fiktive Leben beschnitten.
Geschnitten wurde schon immer. Dennoch ist dieser Vorgang nicht so selbstverständlich, wie es auf den ersten Blick scheint. Es ist schon ein Unterschied, ob abgeschnitten oder zugeschnitten wird, ob Messer, Laser oder Scharnierscheren zum Schnitt verwendet werden. Das Schneiden, Werkzeug und Verfahren bestimmen die Schnitte und die Schnitte bestimmen die Formen. Merkwürdigerweise hat sich im klassischen Sektor des Schnittes, in der Bekleidung, bisher kaum jemand die Frage gestellt, welche Konsequenzen die technische Entwicklung des Schnittes auf die Herstellung der Formen hat. Es mag daran liegen, daß dies keine einfache, keine nur ästhetische Frage ist. Denn in der Bekleidung wird der dreidimensionale Menschenkörper mit Flächen umhüllt, deren doppelte Krümmungen auf geschickten Flächenschlüssen beruhen, Flächenschlüsse, die Ergebnis von Schnittmustern sind. Obwohl es einleuchtend ist, daß andere Schnitte zu anderen Bekleidungsformen führen, ist die Geschichte des Schnittes für die Geschichte der Bekleidung bisher weitgehend unbeachtet geblieben.


Die Geschichte und ihre Darsteller
Das Verfahren, vorliegenden Stoff zu zerteilen, um ihn in anderer Form wieder zusammenzufügen, Zweidimensionales nach Flächenplan in räumliche Gebilde zu verwandeln, dieses Verfahren hat sich in der europäischen Bekleidung erst seit dem Hoch-Mittelalter ausgebreitet. Es findet in der Heraufkunft des modernen, cartesianischen Weltbildes seine philosophische Entsprechung. Die Idee des Schnittes bildet die Voraussetzung für die Modellierung des menschlichen Körpers am Ende der industriellen Gesellschaft.
Im folgenden soll die Geschichte des Schnittes, des Zuschnitts westeuropäischer Bekleidung umrissen werden. Diese Erzählung beruht auf dem Zusammenspiel verschiedener Akteure: der Hauptfigur des Schneiders, der Textiles schneidet und wieder zusammenfügt, und seiner Werkzeuge: der Schere, der Nähnadel, des Fadens, des Stoffes, der Elle.
Die Schere ist ein »Werkzeug zum Trennen oder Einschneiden von Werkstoffen«. Ihre Einfachheit in der Konstruktion und in ihrer Handhabung sowie ihr alltägliches Zuhandsein - jeder kennt sie, jeder hat sie - verurteilen dieses Werkzeug zu wissenschaftlicher Unsichtbarkeit. Entwicklungsgeschichtlich geht das Messer der Schere voraus, sprachgeschichtlich läßt sich dies am Übergang vom Alt- zum Mittelhochdeutschen erkennen: aus den althochdeutschen pluralischen scari wird das singularische schoere.
Scharnierscheren tauchen auf Abbildungen von Schneiderwerkstätten des 14. Jahrhunderts auf. Auf ihr beruht die moderne Schneiderei, das Werkzeug Schere steht für die Meisterschaft, hat im Ladenschild symbolische Funktion und ist Bestandteil des Zunftwappens.
Das Gewerbe der Bekleidung entwickelt sich erst mit den Städtegründungen im 12. Jahrhundert. Bemerkenswert daran ist, daß die Hersteller von Bekleidung sich als Schneider zusammenschlossen, nicht als Kleidermacher oder Näher, daß also die Schneiderei sofort ins Zentrum der Bekleidungsherstellung tritt. Es ist das Schneiden/Trennen, das am Anfang der neuzeitlichen europäischen Bekleidung steht, nicht das Verbinden. Obwohl die Nähnadel, das Werkzeug, das zwei Arbeitsgänge - das Durchbohren des Materials und das Hindurchführen des Fadens - kombiniert, schon seit Urzeiten existierte, werden die Nadler erst im 14. Jahrhundert zünftig.
Im Unterschied zur Schere, die trennt, der Nadel und dem Faden, die verbinden, ist die Elle ein ökonomisches Werkzeug. Sie diente dem Messen, der Ermittlung der Stoffmenge, die zu bezahlen war. Dieser Stoff, das Tuch, war vor der Massenproduktion textiler Flächen ein kostbares Gut, ein Kulturgut, oft aus fernliegenden Regionen, das nicht zerstört werden durfte, das auch immer wieder verwendet wurde.

 

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