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form+zweck 15

Text, Textil, Textur
William Morris I

 

Petra Martin

Traum und Muster

 

Anfang der achtziger Jahre verbrannten Dayan-Frauen auf Borneo ihre selbstgewebten Stoffe vor dem Haus eines Missionars. Der Missionar hatte sich für die bis zur Wertlosigkeit degradierte Kultur der Dayan eingesetzt. Die Frauen sahen darin eine Mißachtung ihres Wunsches nach einem »modernen« Leben.
Petra Martin arbeitet im Museum für Völkerkunde in Dresden und beschreibt in ihrem Text die Ikat-Technik. Diese Weberei sowie die Kunst, neue Muster für diese hochkomplizierte Textilform zu entwerfen, sicherte in den traditionellen Gesellschaften der Dayan den Frauen höchste Anerkennung. Erst die Kolonialisierung und die nachfolgende Eigenstaatlichkeit zerstörte die Regeln des Zusammenlebens und machte aus einer bewunderten Tätigkeit einen Gegenstand der Verachtung.


›Diesseits und Jenseits‹ (Abbildung1) nannte die Weberin der Kantu' das Schultertuch. Die menschlichen und schlangenartigen Wesen symbolisieren diese beiden gegensätzlichen und doch eine Einheit bildenden Welten.
›Blutegel und Hirsch‹ (Abbildung 2) heißt ein anderes, von einer Weberin der Desa als Rockbahn entworfenes Textil. Die Motive - Sinnbilder für Schönheit und Lebensfreude - gelten als sehr gewagt und nur ein junges heiratsfähiges Mädchen würde einen so gemusterten Rock tragen.
Die Kantu' und die Desa, zwei Iban-Stämme, leben in der indonesischen Provinz West-Kalimantan auf der tropischen Insel Borneo. Wie alle Iban-Gruppen sind sie für ihre faszinierenden Festtagstextilien bekannt, deren Motive einen zutiefst symbolischen Gehalt besitzen. Die Textildekore enthalten Botschaften, deren Entschlüsselung dem kulturfremden Betrachter meist nicht möglich ist. Gegenständliche, vegetabile, zoomorphe und anthropomorphe Formen sowohl in naturalistischer als auch abstrakter Darstellung werden zu einem harmonischen Gesamtbild komponiert. Charakteristisch ist die Verdopplung oder Reihung von Motiven in spiegelsymmetrischer Anordnung sowie die Verzahnung der einzelnen Musterelemente durch Konturhaken. Das Hauptmuster wird durch zwei anders gemusterte Seitenbahnen deutlich begrenzt. Während die naturalistischen Darstellungen (Krokodile, Schlangen, Menschen) auch für unsere (europäischen) Gestaltungs- und Sehtraditionen eindeutig sind, fehlt uns für das Erkennen der den Abstraktionen zugrundeliegenden Formen die spezielle Seherfahrung der Iban. Für das Verstehen abstrakter Motive bedürfen wir der Interpretation durch die Weberin selbst oder eines Mitglieds ihrer Langhausgemeinschaft. Dennoch bleibt es schwierig, in der faszinierenden, kompliziert verschlungenen Linienführung eine Verbindung zwischen dem Dargestellten und seiner Interpretation zu erkennen. Doch nicht immer gibt es eine offensichtliche Verbindung. Die Iban-Weberinnen unterscheiden zwischen den Namen der einzelnen Motive und dem Namen, den das Gesamtmuster erhält. Der mitunter sehr poetische Name der Gesamtkomposition nimmt Bezug auf den Charakter eines Textils. Oft ist der Name oder Titel eines Textils auch der Schlüssel zum Verständnis seiner sozialen und religiösen Funktionen. Zugleich kann er Auskunft über den von der Weberin erreichten Rang geben.
Alle hier vorgestellten Textilien wurden im Kettikatverfahren gemustert, eine komplizierte Musterungstechnik, die nur bei der Herstellung von Festtags- und Zeremonialtextilien angewendet wird. Sie gehört zu den in Indonesien zu höchster Blüte entwickelten Reservefärbverfahren. Andere Ikatvarianten sind der Eintrag- und der Doppelikat, die die Iban jedoch nicht ausführen.

 

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