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form+zweck 15

Text, Textil, Textur
William Morris I

 

Chup Friemert

Vorwort

 

Hephaistos kam, nachdem Zeus seine Fähigkeiten hinterbracht worden waren und dieser ihn in den Olymp geholt hatte, nicht mehr zur Ruhe. Zu vielfältig und immer neu waren die Wünsche des Herrschers und keine noch so überraschende Erfindung und vorher nie gesehene Gestaltung konnten Zeus' Gier beruhigen. Grade so scheint die Geschichte des Designs in den letzten 200 Jahren verlaufen zu sein - aus geringen Anfängen ist die Profession zwischenzeitlich zur stets herbeigerufenen, befragten und alles berührenden Tätigkeit geworden, deren Hauch unverzichtbar über allem zu wehen scheint: Es gibt keine Friseure mehr, sondern hair-designer und keine alltägliche Notwendigkeit ist zu finden, die nicht von den Vorschlägen der Designer begleitet wäre. Aber gerade so, wie im griechischen Mythos, Hephaistos eine gewisse Zeit seinen eigenen Gelüsten unbemerkt vom Herrscher nachgehen konnte und sich in seiner Werkstatt die erfundenen und gestalteten Wunder stapelten - nur von wenigen Eingeweihten überhaupt gekannt -, gerade so gingen im vorigen Jahrhundert manche Gestalter in eigensinnigem Antrieb ihren Interessen nach.

Der hundertste Todestag von William Morris bietet einer Hochschule für bildende Künste, die aus einer Werkkunst-Tradition kommt, Anlaß, sein Werk zu bedenken und es in die Überprüfung gegenwärtiger Fragen zur Gestaltung hineinzuziehen, zumal Zeus nicht schläft.

William Morris (1834 bis 1896) folgte nach einem kurzen Theologie-Studium doch seinen Neigungen zur Kunst und Geschichte und entwickelte sich zu jenem Reformer des Kunsthandwerks, der die arts and crafts Bewegung ab Mitte des 19. Jahrhunderts einleitete und als der einflußreichste Designer Englands die Gestaltung nicht nur im viktorianischen England gründlich erneuerte. Wenn sie ihm auch nicht in allem folgt, möglicherweise sogar nur im Unwichtigen, so beruft sich doch jede kunsthandwerkliche Programmatik und Praxis seit etwa 1880 in Europa auf ihn.

Die Erneuerung beruhte auf einem komplexen Programm, es bezog sich nicht primär auf formale Neuheit. Der Zugriff lag tiefer und ging vor allem vom Verhältnis von Kunst und Arbeit aus. Die Aufhebung der Trennung der entwerfenden von der ausführenden Arbeit schien Morris die grundlegende Bedingung für jegliche Erneuerung von Kunst, Arbeit und Gesellschaft. Gegen die ›sinnlose Schinderei‹ der Fabrikarbeit stand ihm eine ›an den Bedürfnissen des Menschen orientierte Tätigkeit‹ vor Augen. Er dachte sie immer gemeinschaftlich und versuchte Gemeinschaftlichkeit im praktischen Umgang und in der künstlerischen Arbeit. Die gewiß nicht konfliktfreie aber dennoch enge Zusammenarbeit mit Maddox Brown, Rossetti, Burne-Jones und Webb führte ab 1861 vom Freundeskreis zur gemeinsamen Werkstatt zur gemeinsam betriebenen Firma. Eine ›moderne‹ Antwort auf die realen Verhältnisse, gerade wenn man eine an mittelalterlichen Handwerksverhältnissen und Produktionsbeziehungen orientierte Vorstellung hatte. Von freien Künstlern im Sinne der Renaissance jedenfalls hielt der Kreis nicht viel.

Das tatsächliche Schaffen von Morris ist vielfältig und reicht von der Übersetzung nordischer Sagen zum utopischen Roman, von der Erneuerung der Stickerei zum Entwurf von Tapeten, von Fresken zur Inneneinrichtung, von Möbeln zu Glasfenstern, von der Typografie zu interessanten Vorträgen. Und nur ihm kann es gelingen, eine Gesellschaft zum Schutz alter Gebäude vor dem Denkmalschutz ins Leben zu rufen.

Die Anstöße, eine neue Art des Arbeitens anzustreben, sind ebenso aktuell wie die besonders von William Morris vertretenen sozialistischen Vorstellungen einer gerechten Welt. Manche mögen ihn da als ersten roten Grünen sehen.

Dieser eigenwilligen Person und ihrem vielfältigen Schaffen war ein siebenteiliger Vortrags-Zyklus des Fachbereichs Industrial Design an der Hochschule für bildende Künste Hamburg gewidmet. Die vorliegende Publikation dokumentiert die Beiträge in einer neuen Reihenfolge und ist um einen Beitrag des Herausgebers der Dokumentation erweitert.
Wir danken der Ditze Stiftung herzlich für die Förderung der Publikation.