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form+zweck 15

Text, Textil, Textur
William Morris I

 

 

Kurt Löcher

William Morris' »Earthly Paradise« und Edward Burne-Jones' Stuttgarter Perseus-Zyklus.

 

1971 erwarb die Staatsgalerie in Stuttgart 8 Gemälde des englischen Malers Edward Burne-Jones, vier davon vollendet, eines beinahe fertig, eines noch weit davon entfernt, zwei im Zustande des Kartons, in Originalgröße, aber auf Papier. Die Bilder sind dauerhaft ausgestellt, füllen einen ganzen Raum im Museum. Sie erzählen die Geschichte von Perseus, der auszieht das Haupt der Medusa zu holen und der die an einen Felsen geschmiedete und von einem Seeungeheuer bedrohte Andromeda befreit. Ein antikes Märchen, abenteuerlich und poetisch, mit mythischen Wurzeln und - wenn man bereit ist, sich Gedanken zu machen - mit psychologischem Tiefgang.

Die Maler hatten sich des Stoffes schon im 15. Jahrhundert angenommen, aber viel mehr als der ritterliche Held, der darauf aus ist, die nackte Schöne zu befreien, war von der Geschichte nicht übrig geblieben. So läßt sie sich später von der des Ruggiero, der Angelica befreit, kaum unterscheiden. Der Franzose Jean Dominique Auguste Ingres hat diese Szene nach Ariosts Orlando furioso 1819 gemalt - mit einem Reittier halb Adler, halb Pferd. Gewöhnlich setzt das Seeungeheuer einen phantastischen und gräßlichen Akzent.

Der Maler Edward Burne-Jones, der sich der Perseus-Sage annahm, stammte aus Birmingham. Er wurde 1833 als Sohn eines Vergolders und Rahmenmachers geboren, studierte seit 1853 gemeinsam mit William Morris an Exeter College in Oxford Theologie und wurde durch die Begegnung mit Dante Gabriel Rossetti, der als Maler und Dichter gleich bedeutend war, auf das Feld der Kunst gezogen. Rossetti war der Mitbegründer der Künstlergruppe der Präraffaeliten, die sich nach dem Vorbild der deutschen Bruderschaft der Lukasbrüder, Nazarener genannt, formiert hatte. Ihr Ziel war es, in einer zunehmend industrialisierten Umwelt den wachsenden sozialen Gegensätzen künstlerisch gestaltete Bilder abzugewinnen oder gegenüberzustellen, wie es Ford Madox Brown mit The Last of England - Der letzte Blick auf England - Auswandererschicksal - beispielhaft gelang. Die angemessene Bildsprache fand man bei den Malern vor der Renaissance, das heißt, vor dem damals allgemein bewunderten Raffael, in einer dem Mittelalter übergestülpten Vorstellung von einem vorbildlichen Gemeinschaftsleben. Die Künstler folgten einem gleichsam archaischen Modell. Nichtsdestoweniger war in der Kunst ein intensives Naturstudium gefordert, das in seiner Penetranz mit den zur Anschauung gebrachten Inhalten wetteiferte.

Es blieb nicht aus oder war doch die Folge, daß die dichterischen und artistischen Qualitäten der Bilder die frühen programmatischen Ansätze modifizierten oder zum Verschwinden brachten, das psychologische und schließlich das symbolisch-symbolistische Element stärkten und damit übereingehend eine Stilisierung der Formen beförderten. Erklärtes Ziel blieb es, eine materialistische Welt durch Schönheit und zur Schönheit zu verwandeln, durch eine alle Lebensbereiche durchdringende Kunst. Die englische Art and Crafts Bewegung, ihre französische Nachfolge in der Art nouveau und ihre deutsche im Jugendstil sind bekannt genug und zu breit gefächert, um hier skizziert werden zu können. Burne-Jones hat in dieser Entwicklung als Freund und Mitarbeiter von William Morris und als inspirierter Künstler seinen Platz. Er besaß die Fähigkeit, sich mit seinen Bildern auf den vorgegebenen Raum und seine Funktion, auf die Wand und ihre Gliederung einzustellen. Er beherrschte den schmückenden Aspekt der Tapisserie und drang zum dichterischen Kern der Bilderzählung durch. Seine malerischen Qualitäten hielten ihn von der spröden Gedankenmalerei der Nazarener fern, sein literarischer Ernst von der fahrlässigen Dekorationskunst, mit der damals allerart öffentliche Gebäude ausgestattet wurden.
Was Burne-Jones als Dichter zu sagen hatte, sagte er mit und in seinen Bildern, anders als Morris, der auch als bildender Künstler immer ein Mann des Wortes war. Während die Utopien des engagierten Sozialisten noch heute Interesse beanspruchen, sind seine auf die Vergangenheit gerichteten Dichtungen weitgehend vergessen. Das ehemals populäre Earthly Paradise dürfte kaum auf den Lehrplänen der Schulen stehen. Morris schrieb es in den Jahren ab 1865 in London, Queen Square, das er und seine Familie gegen Red House eingetauscht hatten. Er trug aus verschiedenen Quellen zusammen und brachte das ganze in Versform. 1868 erschien der erste Band. Das umfangreiche Werk ist an Geoffrey Chaucers Canterbury Tales orientiert, sammelt Sagen und Geschichten, die sich vor der Pest geflohene und auf ihrer Suche nach dem Earthly Paradise gescheiterte Nordmänner und ihre griechischen Gastgeber erzählen. Die mit mehreren hundert Holzschnitten zu illustrierende Ausgabe, die sich Morris vorstellte, kam nicht zustande. Burne-Jones hatte bereits 70 Zeichnungen zur Geschichte der Psyche geliefert, die Morris in Holz schnitt, doch erwies sich das Unternehmen als zu umfangreich und kostspielig. Was den Künstlern vorschwebte, blühte erst knapp dreißig Jahre später in dem berühmten Kelmscott Press Chaucer auf.

 

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