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William Morris II

 

 

Wolfgang Lottes

Das literarische Werk von William Morris

 

William Morris ist ohne Zweifel eine der vielseitigsten Persönlichkeiten des englischen Geisteslebens. Ich freue mich, im Rahmen der Vortragsreihe der Hamburger Hochschule für bildende Künste, in deren Mittelpunkt das künstlerische Schaffen steht, heute abend das literarische Werk von Morris vorzustellen, wenngleich ein solcher Überblick angesichts der Fülle seiner Publikationen - die von seiner Tochter May besorgte Gesamtausgabe umfaßt immerhin vierundzwanzig Bände - fragmentarisch bleiben muß.
Das künstlerische und das literarische Oeuvre durchdringen sich bei Morris auf ganz intensive Weise, bedingen sich gegenseitig und werden aus denselben Quellen gespeist. Daher möchte ich zunächst drei Stationen in seiner frühen Entwicklung umreißen, die sowohl für den Künstler und Designer als auch für den Schriftsteller prägend waren.
Seine Kindheit verbrachte Morris in der ländlichen Abgeschiedenheit von Woodford Hall am Rande des Epping Forest, wo die Zeit fast stehengeblieben schien; denn das Leben auf dem elterlichen Landsitz hatte in vielen Zügen die Traditionen längst- vergangener Jahrhunderte beibehalten. Der Rhythmus der Mahlzeiten entsprach dem des 14. Jahrhunderts, und was auf den Tisch kam, war weitgehend aus eigener Produktion, vom selbstgebackenen Brot bis zum selbstgebrauten Bier. Viele der alten Festtage wurden nach überliefertem Brauch gefeiert, etwa Twelfth Night, der Dreikönigsabend, oder der St.Georgstag. Wenn man sich dazu vorstellt, wie der kleine William in einer eigens für ihn gefertigten Miniatur-Ritterrüstung auf seinem Pony durch den Park trabte, erhält man das Bild einer geradezu anachronistischen quasi-mittelalterlichen Welt. Streifzüge durch die alten Kirchen der näheren Umgebung von Woodford mit ihren Grabmonumenten und den für England typischen 'brasses', gravierten Messinggrabplatten, ein Besuch der Kathedrale von Canterbury und Ausflüge zu den prächtigen Landschlössern von Essex aus dem 15. und 16. Jahrhundert gehörten ebenso zu den nachhaltigen Erfahrungen des Knaben wie die Lektüre der sämtlichen historischen Romane von Walter Scott und der im 15. Jahrhundert spielenden Schauergeschichte »The Old English Baron« von Clara Reeve, die Morris zusammen mit seiner ältesten Schwester Emma im Kaninchengehege des Dorfes las und die auf beide so tiefen Eindruck machte, daß sie sich fürchteten, bei einbrechender Dämmerung auf dem Heimweg den Park zu durchqueren.
Im Frühjahr 1853 nahm William das Studium am Exeter College in Oxford auf. Oxford war zu jener Zeit die Hochburg des Mediävismus in England. Stadtbild und Geist waren eindeutig vom Mittelalter geprägt. Noch 1865 schwärmte Matthew Arnold: »Beautiful city! so venerable, so lovely, (...) so serene! (...) steeped in sentiment (...) she lies, spreading her gardens to the moonlight, and whispering from her towers the last enchantments of the Middle Age«. Zusammen mit seinem Studienfreund Edward Burne-Jones durchstreifte Morris die ehrwürdige Universitätsstadt und deren Umgebung. Die beiden begeisterten sich für die Zeugnisse mittelalterlicher Architektur, betrachteten die illuminierten Handschriften in der Bodleian Library und berauschten sich an der gemeinsamen Lektüre alter Volksballaden, nordischer Mythen, der Canterbury Tales von Chaucer und vor allem des gewaltigen Prosawerks Le Morte Darthur von Thomas Malory, der in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts alle Stränge englischer und französischer Sagen des Arthur-Kreises zusammenfaßte und ihnen die Gestalt verlieh, die für nachfolgende Bearbeitungen maßgeblich wurde. Von Arthurs Abstammung und seiner Erziehung durch den Zauberer Merlin über die Schicksale der einzelnen Helden bis zum Tod des Königs und dem Untergang der Tafelrunde spannt sich der Bogen von Malorys episoden- reichem Roman, der auch die Gralsthematik inkorporiert. Die Rückbesinnung der Romantik auf die Überlieferung heimischer mittelalterlicher Mythen bescherte Malory eine glanzvolle Renaissance. 1816 erschien die erste Neuausgabe des Morte Darthur seit 1634; in der Folge ließen sich Schriftsteller und Künstler von Malory in Bann ziehen, nicht zuletzt der poeta laureatus Alfred Tennyson, der mit seinem Versepos Idylls of the King (1859 - 1885) eine viktorianische Version des Arthur-Stoffes schuf, und die Präraffaeliten, allen voran Dante Gabriel Rossetti. Burne-Jones stieß 1855 in einem Buchladen auf Southeys Malory-Ausgabe von 1817 und versuchte zunächst, da ihm das Geld zum Kauf fehlte, das Buch auf Raten im Laden zu lesen, bis schließlich der wohlhabendere Morris davon erfuhr und das heißbegehrte Objekt erstand. Von da an blieb das Werk für beide eine Art Bibel; niemand habe es je mehr geliebt, schrieb später Burne-Jones' Ehefrau Georgiana.

 

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