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form+zweck 16

Markierungen
William Morris II

 

 

Wolfgang Kemp

Der Luther der Künste - der Johannes der Arts and Crafts Bewegung

 

Am 1. Mai 1851 trug John Ruskin feierlich in sein Tagebuch ein: »Ganz London ist auf den Beinen und mit ihm ein Gutteil der ganzen Welt. Ich sitze hier in der Ruhe meines Zimmers, höre, wie die Vögel singen und mache mich an den Beginn des zweiten Teils meines Venedig-Werks. Möge Gott mir bei der Vollendung helfen - zu Seinem höheren Ruhm und zum Besten der Menschen.« »Ganz London« und ein »Gutteil der Welt« ist nicht eigentlich übertrieben: Am 1. Mai 1851 wurde in London die erste Weltausstellung eröffnet, ein epochemachendes Ereignis, das die Ereignisse einer neuen Phase der Menschheitsgeschichte, die im Zeichen der Großen Industrie stand, Revue passieren ließ und welches in politischer Hinsicht eine Ära des Völkerfriedens einleiten sollte, eine Zeit, die den Austausch und nicht die Grenzen pflegte, die Wettbewerb und nicht Krieg führte. Sechs Millionen Besucher kamen in den berühmten Glaspalast im Hyde Park, um die Exponate von Nationen zu besichtigen.

Ein Mann von 1851
Abgesehen davon, daß er eine Einladungskarte hatte, wäre Ruskin seiner Stellung und seiner Qualifikation nach ein prädestinierter Teilnehmer dieses Ereignisses gewesen. Die Weltausstellung war ihrem Motto gemäß den Erzeugnissen der Künste und der Wissenschaften gewidmet. Unter ›sience‹ verstanden die Organisatoren nicht so sehr die Grundlagenforschung, sondern die angewandten Wissenschaften der Mechanik, Chemie, Materialkunde etc., welche die Voraussetzungen für eine massenhafte Produktion von Gütern schufen. Und unter den Künsten begriff man analog die angewandte Kunst, welche die maschinell oder handwerklich hergestellten Produkte verfeinern half. Ruskin hatte sich einen Namen als Kunstkritiker durch drei Bücher gemacht: Zwei Bände seines fünfbändigen Hauptwerks Modern Painters waren 1843 und 1846 erschienen; dann kam 1849 das Buch The Seven Lamps of Architecture heraus, welches zeigte, daß dieser Kunstschriftsteller nicht nur über Landschaftsmalerei und Ästhetik (der Gegenstand von Band 1 und 2 der Modern Painters), sondern auch über Architektur und ihre gesellschaftlichen Voraussetzungen zu urteilen verstand. Mit den Seven Lamps baute Ruskin die Rampe zu seinem zweiten Hauptwerk, das der gotischen Baukunst Venedigs und der Unfähigkeit der Gegenwart, etwas Vergleichbares hervorzubringen, gewidmet war. An diesem Opus, genannt The Stones of Venice, schrieb er, als sich die Vertreter aller Länder in London zur Eröffnung der Weltausstellung einfanden. In dem damals begonnenen zweiten Band der Stones legte er die Basis für seine Politische Ökonomie der Künste; dort schrieb er sozusagen die Gründe dafür nieder, warum er der Weltausstellung fernblieb; an diesem 1. Mai 1851, das läßt sich ohne Übertreibung sagen, nimmt die geistige und die organisatorische Bewegung ihren Ausgang, welche das englische Design reformieren wird. In Band 2 der Stones finden sich Sätze wie die folgenden: »Die Grundlagen der Gesellschaft waren niemals so erschüttert, wie sie heutzutage sind. Daran schuld ist nicht der Umstand, daß die Massen zu wenig Brot, sondern daß sie keine Freude an der Arbeit haben, mit der sie ihr Brot verdienen.«
Das Jahr der Weltausstellung bildet in vieler Hinsicht eine Epochenschwelle. Im Bezug auf England hat Asa Briggs von den »men of 1851« gesprochen, einer Generation von Politikern und Intellektuellen, die auf den Erkenntnissen und Idealen von 1851 ein weitreichendes Programm für Englands Zukunft entwarfen, ein Programm des gesellschaftlichen Ausbaus und ein Programm radikaler Kritik. Ganz wichtig ist hierbei, daß die Weltausstellung die nationale Diskussion von den alten Fragen der Religion und des Verhältnisses der Klassen ein wenig wegbewegte und Gebiete wie Kunst, Bildung, Wissenschaft, Ökonomie in ihrer gesamtgesellschaftlichen Bedeutung erschließen half. Dazu gehört ganz entschieden auch der Bereich, der hier zur Debatte steht. 1851 war ein Triumph für englisches Organisationstalent, für englisches Kapital, für die englische Produktionsgüterindustrie. 1851 war ein Waterloo des englischen Designs. Unsere Toleranz gegenüber dem Historismus des 19. Jahrhunderts ist grenzenlos geworden; was jedoch die Ausstellungsstücke anbelangt, mit denen England die Welt damals beeindrucken wollte, so dürfen sie mit dem Wort von William Morris: »wonderfully ugly« als gerecht beurteilt und abgehandelt gelten. Dies sollte sich ändern.

 

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