s_fz16.jpg

 

form+zweck 16

Markierungen
William Morris II

 

 

 

Jörg Petruschat

Editorial

 

Die Wirklichkeit, so glaubt man heute, sei bloße Konstruktion. Je nach symbolischem Bestand erzeugen Hirne wie Computer ihre Aktionswelten: Der Hammer im Hirn macht die Welt zum Nagel, Leiber werden zu Resultaten genetischer Programme, Politik zum chirurgischen Eingriff - das sind die Gewinne des symbolischen Kapitals.
Allerdings drängt das Reale noch immer lästig sich in virtuose Welten ein. Dem an sich Bedeutungslosen kann nur der Erlebnis abgewinnen, der ans Reale glaubt. Symbolische Formen bedürfen des Fleisches, um in Lust umzuschlagen, Punkte der Augen, um zu Gesichten gerafft zu werden. Das ist der Widerspruch: Jede Einlassung auf virtuelle Realitäten, jeder Versuch, mit edierten Welten zu verschmelzen, scheitert an der unterschiedlichen Natur von Leib und symbolverarbeitendem System. Gerade das interface, jene Dimension, gemacht, die Brücke zur systematischen Verwaltung des symbolischen und imaginären Kapitals zu bauen, markiert den fundamentalen Unterschied. Die Differenz zwischen Nervenende und Symbolverwaltung generiert die Information, ohne die garnichts lustig, keine Illusion über Technik, keine Verwaltung des humanen Kapitals möglich wäre: das absolutebit.
Diese Begrenztheit verdankt der Menschensinn nicht den Maschinen. Die Wirklichkeit läßt uns nicht los. Sie allein haben wir gelernt, via Zeichen zu apportieren.
Damit Papiermaschinen und Computer Reales verwalten und emulieren können, muß das, was unsere Wirklichkeit heißt, zum Datum werden. Im Unterschied zu den geruhsamen Zeiten der Magie hat die industrielle Gesellschaft dafür rationelle Verfahren der Zeichengebung entwickelt. Wie wird Mensch, sein Verhalten, seine Gestik, seine Geschäftigkeit zum Datum? Jo Krausse beschreibt die Entstehungsgeschichte der modernen Diagrammatik, das Zusammenspielen und Ineinanderlaufen von Landkarte und Tabelle, von Kartographie und Statistik. Peter Fibich zeigt an der Geschichte des Häftlingswinkels wie eine simple Geometrie zur Markierung der Sache Mensch, zur Erinnerung ans industriemäßige Töten wie zur Verdrängung dieser Erinnerung verwendet wurde, Stefan Wachter steckt seine mathematischen Fähigkeiten in Maschinen, die menschliche Bewegungen erkennen, interpolieren und intepretieren sollen, und der GraphicDesigner Pierre di Sciullo entwirft für die Tuareg eine Computerschrift, damit die Nomaden, deren Schrift älter ist als alle europäischen Notationssysteme, an der Verwaltung des Abendlandes teilhaben können.