s_fz16.jpg

 

form+zweck 16

Markierungen
William Morris II

 

 

Peter Fibich

Häftlingswinkel

 

Die Nazis haben das auf der Spitze stehende Dreieck zur Kennzeichnung der Häftlingsgruppen in den Konzentrationslagern verwendet. Nach der Befreiung haben die Überlebenden der Vernichtungslager aus dem Stigma ein Zeichen des Sieges über den Faschismus gemacht, ein Zeichen antifaschistischen Widerstandes. Fibich beschreibt, wie mit den Denkmalen auch die entgegengesetzten Bedeutungen verschwinden.


In der sächsischen Kleinstadt Frohburg gab es bis vor kurzem eines der unzähligen Mahnmale für die Opfer des Nationalsozialismus, wie sie im öffentlichen Raum der Städte und Gemeinden der DDR typisch waren. Unmittelbar nach dem Krieg waren auf Initiative ehemaliger Verfolgter zwei Felsbrocken in waldiger Kulisse übereinandergetürmt, mit einer Abstand gebietenden Pflanzung und einem Platz umgeben worden. Im Kontrast zum romantisierenden Gestus des Denkmals bildeten ein gleichseitiges Dreieck - der sogenannte "Häftlingswinkel" - und die Widmung "Für alle Opfer des Faschismus" die einzigen Verweise auf seinen tieferen politischen Sinn.1 Der Umstand, daß den Intentionen des Mahnmals weniger durch seine Form als durch seine graphischen und textlichen Attribute Ausdruck verliehen war, kam seiner Umwidmung im Jahre 1991 entgegen. Auf Beschluß der "Freien Wählergemeinschaft" Frohburg heißt es nun, umkränzt von Eichenlaub: "Den Opfern aller Gewaltherrschaft zum Gedenken". Die Neudeutung hat im tümelnden Äußeren des Denkmals, das seinerzeit der wirtschaftlichen und kulturellen Not geschuldet war, einen geradezu idealen Rahmen gefunden.
Das vermeintlich belanglose Beispiel darf als symptomatisch für die derzeitige Wandlung der ostdeutschen "OdF-Mahnmale" angesehen werden. Während sich an den herausragenden Erinnerungsorten der früheren DDR, etwa in den KZ-Gedenkstätten Buchenwald, Sachsenhausen und Ravensbrück, ein langwieriger und sensibler Erhaltungs- und Neugestaltungsprozeß angebahnt hat, sind die bescheideneren Denkmäler von regionaler Bedeutung zunehmend unachtsamen Veränderungs- und Umwidmungsbedürfnissen ausgesetzt. Die äußere Form, die in den Grundzügen oft erhalten bleibt, wird zum Rahmen neuer Intentionen, die einerseits den allzu oft auf kommunistische Widerstandskämpfer begrenzten Personenkreis in Richtung diffuser, gleichmachender Opferbegriffe erweitern, und andererseits die Denkmäler ihrer vormaligen Orientierung entkleiden. Die Monumente, die zunächst die Totenehrung mit mahnenden, ja verpflichtenden Aspekten zu vereinigen suchten, werden zu scheinbar apolitischen, auf unverbindliche Trauer- und Gedenkrituale ausgerichtete Objekte reduziert. Darüber hinaus weist der bezeichnende Austausch zweier Symbole in Frohburg - "Häftlingswinkel" gegen Eichenlaub - auf eine Reorganisation des politischen Symbolsystems hin, deren unreflektierte Anknüpfung an nationale, christliche und andere Zeichen gleichsam die Nachkriegsentwicklung vergessen macht. Das zunehmende Verschwinden des Dreiecks aus dem öffentlichen Raum sei Anlaß genug, auf die wechselvolle Geschichte dieses politischen Symbols zu verweisen.

 

... lesen Sie weiter in form+zweck 16: Markierungen ...