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form+zweck 16

Markierungen
William Morris II

 

 

 

Joachim Krausse

Informationen auf einen Blick

 

Schrift ist die Zeichenfolge der Geschichte: ihre Buchstaben verkürzen das Geschehen auf die Symbole des Wortlauts. Was Schrift speichert, sind Verläufe von Handlungen, sind Prozesse.
Der Haken daran: schriftwürdig wird nur das, was in diese Verlaufsform paßt.
Jo Krausse rekonstruiert eine andere Geschichte. Im Unterschied zu den Markierungen des Zeitverlaufs erzählt Krausse eine Geschichte von Darstellungen, die zur Veranschaulichung unanschaubarer Bedingungen verfertigt wurden. Diese Darstellungen haben kein Vorbild, sie spiegeln Vorliegendes nicht ab. Ihre Formen beruhen auf der gedanklichen Verarbeitung von symbolischem Material: Zahlen zumeist, die Realitäten repräsentieren und gedanklich formalisiert wurden.


I.
Für gewöhnlich ist das Diagramm ein mit graphischen Mitteln hergestelltes Schaubild, welches der Klärung und Kommunikation eines bestimmten Sachverhaltes dient. Als solches ergänzt es die skripturalen Kulturtechniken des Schreibens und Rechnens und gehört damit zum festen Bestand von Praktiken, mit denen Informationen geordnet und aufbereitet werden, um sie möglichst ökonomisch weitergeben und verarbeiten zu können. In dieser informationsökonomischen Eigenschaft liegt der Wert von Diagrammen in nahezu allen Wissenschaften und Publikationsmedien.
Im Unterschied zu Werken der bildenden Kunst, Gemälden etwa oder künstlerischer Druckgraphik, besitzen Diagramme als Schaubilder keine Autonomie; sie gehören zu jener Klasse von Artefakten, die ohne Legenden beziehungsweise expositorische Texte nicht auskommen und stets auf einen vorausgesetzten oder begleitenden Diskurs verweisen. Dementsprechend begegnen wir Diagrammen in der Alltagspraxis als beigegebene Visualisierungen von Texten, als Illustrationen zu Vorträgen, aber auch als unerläßliche Verarbeitungsform von Daten, die mit Hilfe von Zähl- und Meßinstrumenten in der Medizin, der Technologie und den Sozial- und Naturwissenschaften gewonnen werden. Die Erstellung von Diagrammen scheint hier nur ein spätes Stadium komplizierter und über viele Schritte sich erstreckender Prozeduren zu sein, die der Übersetzung von Befunden in bündige Statements oder Beurteilungen dienen. Es fällt auf, daß das griechische Wort »Diagramm« auf dieselbe Weise gebildet ist wie »Diagnose«, und in der Tat zeigt die Medizin besonders deutlich, in welchem Ausmaß die Diagnostik auf die Diagrammatik angewiesen ist, von der Fieberkurve bis zur Kernspintomographie. In vielen Fällen läßt sich der Befund erst diagnostizieren, wenn es gelungen ist, die Ausgangsdaten in Form von Diagrammen zu organisieren.
Man wird also dem landläufigen Vorurteil widersprechen müssen, demnach Diagramme bloß Beiwerk, lediglich abgeleitete, sekundäre Formen von etwas sind, das anderswo und anderswie schon gültig formuliert worden ist. Aus der Feststellung, Diagramme seien lediglich Transkriptionen, läßt sich kein Argument für eine Statusminderung ableiten; die Einführung und Verwendung arabischer Ziffern war schließlich auch »nur« eine neue Transkriptionsmethode, der wir nichtsdestoweniger die Algebra zu verdanken haben. Es ist freilich nicht zu übersehen, daß Visualisierung traditionell von den Wissenschaften als nachrangig behandelt worden ist, den Status von Hilfsmitteln oder Dienstboten erhielt, deren Vorhandensein zwar praktisch, aber notfalls entbehrlich ist. Dies ist nur aus der Geschichte der Wissenschaften und dem sich nur langsam verändernden Verhältnis zu den Künsten, den schönen und den mechanischen, zu verstehen. In dieser Geschichte haben sich auch Hierarchien in den Artikulationsformen der Erkenntnis fortgeschrieben, die den schriftlichen Text vor dem Rechenwerk privilegieren, und jenes vor den Visualisierungen, den Diagrammen, Karten und Modellen. Eine Folge solcher Traditionsbildung ist das auffällige Fehlen einer Wissenschaft von den Visualisierungen, den Diagrammen im Allgemeinen. Es gäbe hier große Lücken zu schließen, die trotz vereinzelter Anstrengungen immer noch zwischen einer allgemeinen Theorie der Zeichen, der Semiotik beziehungsweise Semiologie, und sorgfältig bearbeiteten Spezialgebieten, wie etwa der Ikonographie oder der Kartographie, existieren. Die Wissenschaft der Visualisierungen oder der Diagramme im Allgemeinen hätte Diagramme, Karten und Modelle zu umfassen, so daß die sehr unterschiedlichen Symbolhandlungen und Transkriptionen, aus denen das Entwerfen besteht, mit den Symbolhandlungen und Transkriptionen in Beziehung gebracht werden, die die Wissenschaften bei der Herstellung von Evidenz, von Offensichtlichkeit, ausführen, ohne ihren Anteil an der Erkenntnisgewinnung zu reflektieren.

 

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