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form+zweck 16

Markierungen
William Morris II

 

 

Eva-Maria Hanebutt-Benz

Kelmscott-Press

 

Nachdem William Morris als Unternehmer bereits drei Jahrzehnte lang (seit 1861) Möbel, Textilien, Tapeten, Glasfenster und Keramik nach eigenen Vorstellungen hatte produzieren lassen, war die Einrichtung einer Privatpresse - das heißt einer Buchwerkstatt, in der eigene Verlagswerke gefertigt werden konnten - das letzte seiner Projekte. Die Kelmscott-Press wurde 1891 ins Leben gerufen, als Morris 57 Jahre alt war. Sie sollte ihn die letzten Jahre seines Lebens intensiv beschäftigen. Ihr Erfolg gipfelte in der Herausgabe des formidablen Kelmscott-Chaucer, die Morris selbst gerade noch erleben konnte. Sein Interesse an der Gestaltung von Büchern hatte sich, ungeachtet dieser Fakten, jedoch schon Jahrzehnte früher deutlich manifestiert. Es zeigte sich in seiner Sammeltätigkeit, in der Beschäftigung mit kalligraphisch ausgeführten Handschriften, sowie in frühen, seiner Ansicht nach mißlungenen Versuchen, Druckwerke zu schaffen, die seinen Maßstäben entsprachen.
Ich möchte im folgenden versuchen, einerseits darzustellen wie William Morris dazu kam, die erste ›Privatpresse‹ überhaupt zu gründen, die bahnbrechende Auswirkungen auf die Pflege der Buchkultur im folgenden Jahrhundert haben sollte, und mit welchen Mitteln er sein Ziel verfolgte. Andererseits will ich der Frage nachgehen, ob es sich bei diesen Bemühungen um rückwärtsgewandtes Tun, oder um einen entschiedenen Schritt in die Zukunft gehandelt hat. Beide Positionen sind, jeweils mit ernst zu nehmender Argumentation, vertreten worden und werden bis heute sehr konträr beantwortet. Wir haben es heute leichter als früher in der Beurteilung, nicht nur durch die größere zeitliche Distanz, sondern auch, da durch Fiona MacCarthy eine minutiöse Biographie vorliegt und verschiedene Fachautoren zu allen hier relevanten Fragen ausführliche Studien und Bibliographien erarbeitet haben.
Darüber hinaus kommt einer Beurteilung zugute, daß es zahlreiche Aufsätze, Interviews und Vortragswiedergaben gibt, in denen Morris' eigene Aussagen zu diesem Gebiet festgehalten sind.

Was war der Ausgangspunkt für Morris' Interesse, neben seinen zahlreichen anderen Aktivitäten auch noch zum Drucker-Verleger zu werden? Den Hintergrund bildete einerseits seine große Liebe zu Büchern, er hatte sich seit seiner Studienzeit in Oxford zu einem Kenner alter Handschriften und Drucke entwickelt. Wie hoch das Buch als Kulturzeugnis wie auch als Mittel einer sehr persönlichen Bedürfnisbefriedigung von ihm geschätzt wurde, zeigt sich in Worten, mit denen er seine erste Begegnung mit dem Anblick von Canterbury Cathedral und der Ansicht illuminierter mittelalterlicher Handschriften als Junge beschreibt: »These first pleasures which I discovered for myself were stronger than anything else I have had in life«. Und später als eine Art Resümée: »Wenn man mich nach dem bedeutendsten Kunstwerk und der erstrebenswertesten Sache fragte, würde ich antworten: ein schönes Haus. Fragte man mich weiter, so würde ich als nächstes ein schönes Buch nennen. Sich in Selbstachtung und angemessener Weise an schönen Häusern und guten Büchern zu erfreuen scheint mir ein angenehmes Ziel zu sein, das alle menschlichen Gemeinschaften verfolgen sollten.«
Wie bei seinen anderen kunsthandwerklichen Unternehmungen war für ihn andererseits die zeitgenössische Realität der Buchproduktion im 19. Jahrhundert nicht nur ein stetes Ärgernis, sondern auch Anlaß, es besser machen zu wollen, ein Bedürfnis, dem vorhandenen Zweitklassigen etwas anderes, Erstklassiges entgegen zu setzen. Morris betrachtete die ästhetische und materielle Qualität der Verlagsprodukte seiner Zeit als einen beschämenden Niedergang der Buchkultur, und er hatte viele gute Gründe dafür.

 

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