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form+zweck 16

Markierungen
William Morris II

 

 

Pierre di Sciullo

Tifinagh

 

Im Gebiet der zentralen Sahara und im mittleren Nigergebiet siedeln die Tuareg. Ihre Selbstbezeichnung lautet Imoschag oder Imuhag. Die arabische Bezeichnung Tuareg wird verschieden gedeutet, so als »Wegelagerer«, »Ungläubige«, »die von Gott Verlassenen«, »die Ritter der Wüste«. Die Bevölkerungszahl wird auf 300.000 geschätzt.
Ihr Lebensraum umfaßt ein Gebiet von etwa 2,5 Millionen Quadratkilometern, es ist so groß wie Westeuropa unter Einschluß Englands. Politisch gehört dieser Raum heute zu Algerien, Libyen, Niger und Mali. Dies Gebiet weist sehr verschiedene Landschaftsformen auf, so etwa im Tassili N'Ajjer eine zerklüftete, schwarze Bergkette an der Grenze zwischen Algerien und Libyen, durch Schluchten zerschnittenen Sandstein des Tassili, das Ahaggar-Gebirge aus schwarzem Basalt, das bis zu 3000 Metern ansteigt, sodann Oasen und Weideland und die Wüste. In diesem gesamten Gebiet fallen nicht nur sehr wenige Niederschläge, sondern sie fallen auch sehr unregelmäßig.
Die Tuareg haben eine ausgeprägte soziale Struktur: an der Spitze der vertikalen Gliederung steht eine wirtschaftlich vornehmlich parasitäre Adelsschicht, die sich früher nur um die politische Herrschaft, Raub- und Kriegszüge kümmerte. Ihr folgt die breitere Schicht der Vasallen (Imrad), die den einzelnen Adelsgruppen zugeordnet ist und sich vor allem der Herden annimmt. Diese beiden Gruppen bilden die eigentlichen Tuareg. Unter ihnen stehen die abhängigen Ackerbauern in den Oasen und begünstigten Gebirgstälern, zudem persönliche Sklaven und die verachtete Kaste der Schmiede, die von einer negriden Vorbevölkerung oder eingeführten Negersklaven abstammen.
Als Hirtennomaden züchten die Tuareg Kamele, Ziegen und Schafe, in Oasen wird Getreide angebaut und Fruchtbäume werden angepflanzt. Die Kamelzucht ist ein Privileg der herrschenden Stammesgruppen.
Einmal im Jahr zieht eine Salzkarawane mit tausenden Kamelen, alle mit grabsteingroßen Salzblöcken beladen, von Taodenni nach Timbuktu durch die Wüste.
Von wirtschaftlicher Bedeutung ist die Karawanenführung und -begleitung. Früher kontrollierten die Tuareg die Trans-Sahara-Karawanen, welche Sklaven, Elfenbein, Gold, Straußenfedern und Löwenfelle zum Mittelmeer und nach Osten brachten.
Von großem kulturgeschichtlichen Interesse ist ihre alte Schrift, das Tifinagh, die sich höchstwahrscheinlich von der libyschen Schrift herleitet, deren Vorbild wiederum die phönizische Schrift war. Die libyschen Inschriften sind Grabinschriften; sie konnten teilweise entziffert werden, weil punische Fassungen der Inschriften bekannt sind. Aber die Tifinagh-Schrift »hatte keine vollständige soziale Funktion in dem Sinne, als sie nicht dazu verwendet wurde, Geschichte zu überliefern. Auf den Felswänden stehen die Namen von Menschen und Orten.« (Aus: Die Tuareg. Volk aus der Wüste, München 1984) Es gibt kein einziges Buch in Tifinagh, Briefe schreibt man sich nicht untereinander, die Märchen und Poeme werden nur mündlich übermittelt und sind von keinem Tuareg je aufgezeichnet worden.
Das Tifinagh-Alphabet ist seit den neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts durch französische Forscher bekannt, immer wieder wurden Buchstabenvarianten durch Feldforschungen von Linguisten oder Ethnologen gefunden, es gibt mehrere Zeichen für einen Buchstaben. Die Schreibrichtung ist offen: Sie kann von rechts nach links oder von links nach rechts horizontal, von unten nach oben oder von oben nach unten vertikal verlaufen. Nur die Buchstaben G, M und D lassen erkennen, wo der Schreiber begonnen hat.
Der Pariser Grafiker Pierre di Sciullo hat in seiner Arbeit dieser Vielfalt Rechnung getragen, indem er für viele Buchstaben mehrere Zeichen geschnitten hat. Sein Entwurf einer computerfähigen Tifinagh-Schrift ist im folgenden dokumentiert. Es ist sicher sozial nützlich, das Tifinagh auch computerfähig zu machen, werden doch die Kinder heute in den Tuareg-Schulen in drei Sprachen und in drei Schriftsystemen unterrichtet, im Tifinagh, im Französischen und im Arabischen. Die computerfähige Schrift kann dazu beitragen, die nicht "vollständige soziale Funktion der Schrift" zu erweitern, sie kann mit zur schriftlichen Mitteilung und Tradierung von Erfahrung und Wissen, also zu einer Tifinagh-Literatur verhelfen.
C.F.

Pierre di Sciullo

Der Ursprung des Projekts
Dieses Projekt wurde aus dem Zusammentreffen einer kleinen Gruppe von französischen Freunden und Tuareg geboren. Ich spreche kein Tamacheq. Die Freunde haben mir geduldig die Grundzüge des Tifinagh beigebracht. Dank ihrer Beharrlichkeit kam das vorliegende Resultat zustande. Marie Begel und Maman Abou waren von Anfang an dabei, M. Akotei und Alhassane Ag Soliman, J. Secchi und andere waren bei Schreibsitzungen zugegen. Dieses Projekt ist die Frucht ihrer Liebe für die Kultur der Tuaregs und des tiefen Wunsches, dem allgemeinen Interesse zu dienen. Der Verein der Tuareg und die Abteilung plastische Künste des Kulturministeriums haben das Projekt finanziell unterstützt.

 

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