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form+zweck 16

Markierungen
William Morris II

 

 

Hans-Heinrich Moldenschardt

William Morris und die Architektur

 

Vor 13 Jahren - 1984 - (es ist das Jahr George Orwells und der Gipfelpunkt der Friedensbewegung in Westeuropa) unternahm das Londoner Institute of Contemporary Art (ICA) den Versuch, in einer sorgfältig und kritisch konzipierten Ausstellung das Werk und die Person William Morris zu würdigen: wie stets - (150 Jahre nach seiner Geburt) aus Anlaß biographischer und kultur-nekrologischer Jubiläen. Noch zu Morris' Lebzeiten, zu seinem 50. Geburtstag war es die Londoner Royal Academy und der Gefeierte schrieb sein eigenes Geleitwort: "...ich bin zuversichtlich, daß die Neue Gesellschaft, auf die wir hoffen, eine Neue Kunst entwickeln wird, bereit für das Neue Leben in einer Gemeinschaft Aller, und auf einem Weg dahin, den wir Sklaven des Konkurrenz-Systems uns nicht vorzustellen vermögen..."
100 Jahre später erinnert eine der Organisatorinnen der ICA-Ausstellung, Theresa Newman, an einen Aufsatz Morris' aus dem Jahr 1895 - nur ein Jahr vor seinem Tod - Socialism its Growth and Outcome, in dem das viktorianische England geschmäht wird als hochstapelnd und heuchlerisch. Der Zustand der kapitalistischen Gesellschaft wird mit einem von Edgar Allan Poe entlehnten Bild dargestellt als ein dahintreibendes Geisterschiff voller Leichen. Das seien Bemerkungen, die üblicherweise niemand mit 'unserem größten Muster-Entwerfer' in Verbindung bringe. Delikaterweise erklärt es sich Mrs. Newman mit gewissen 'shortcomings of state socialism in practice', daß neben dem immer bewunderten 'craftsman and designer' nun auch der scharfe Kritiker des Kapitalismus, Morris als Marxist, wahrgenommen werde.
Immerhin fragen Alan Lipman und Howard Harris in ihrem Beitrag zum Ausstellungs-Katalog rhetorisch: "Warum Morris? Warum ihn auferstehen und zurückkehren lassen als Kultfigur? Heute in den 80er Jahren? Im Jahrzehnt der Spaceshuttles, Micro-chips und High-Tech-Bauten? Morris, den romantischen Poeten, den präraphaelitischen Bruder, den Helden der isländischen Sagen, des edlen Handwerks? Morris, der den Klassizismus, die Renaissance, St. Paul's Cathedral und die Aufklärung mißachtete? Diesen exzentrischen Kerl mit seinem befremdlichen Umgang: Eleanor Marx, Peter Kropotkin, Friedrich Engels und diesem gräßlichen G. B. Shaw?" Und sie antworten: "Weil immer noch vor uns liegt, wofür er gekämpft hat. Wie zu seiner Zeit ist uns verwehrt an einer wahrhaft demokratischen Architektur zu arbeiten. Nach wie vor werden wir erdrückt von nutzloser Schufterei. Nach wie vor ersticken wir am Schund während es vielen mangelt am Notdürftigsten. Nach wie vor fühlen wir uns reduziert auf habsüchtigen Individualismus. Nach wie vor sind wir Sklaven der Maschinerie. Nach wie vor haben wir es nötig, uns Wünsche zu versagen..."
Die wechselnde und jeweils ausschließliche Morris-Rezeption wirft dem - spätestens seit 1881 bekennenden - Sozialisten Morris entweder vor, dieses sei nicht mehr als eine sentimentale Attitüde, und insistiert, allein sein Werk sei epochemachend; oder Morris wird - wie in Nicolaus Pevsner's Pioneers of Modern Design. From William Morris to Walter Gropius, 1949 - ins 19. Jahrhundert verwiesen, das er als Künstler nicht zu überschreiten vermochte, wohl aber als Mensch und Denker. (Auch wenn sein Sozialismus weniger mit Marx als mit Morus zu tun habe.)
Festzustehen scheint hingegen, daß es bei Morris faktisch niemals 'rein' ästhetische Wertvorstellungen gab. Beispielsweise bezieht sich einer seiner Schlüsselbegriffe, um die Wunschvorstellungen einer 'von Grund auf' veränderten Gesellschaft zu instrumentieren, nämlich 'Joy in Labour', zwar auf idealisierende Lesarten mittelalterlicher Produktionsverhältnisse und räumlicher Strukturen des 14. Jahrhunderts - wie bei John Ruskin - aber Morris meint nicht allein die imaginative oder tatsächliche ornamentale Dimension produktiver menschlicher Arbeit im Handwerklichen als Quelle der Befriedigung gefunden zu haben, sondern - anders als Ruskin - er will die Entfremdung arbeitsteiliger, lohnabhängiger Verrichtungen in der kapitalistischen Industrie aufheben.
In einem anderen Katalogbeitrag der ICA-Ausstellung setzt sich Peter Fuller kritisch mit Morris' unorthodoxen Vorstellungen auseinander: Gewiß habe Morris Unrecht zu glauben, der Sozialismus sei das erste und unerläßliche Mittel, um eine Neue Ära freudvoller Arbeit zu initiieren. Die Frage habe zunächst dem Besitz und der Kontrolle der Produktionsmittel zu gelten; nicht ihrer Transformation. Immerhin heißt es, daß das ganze sozialistische Unternehmen dringend neuerlicher Denkarbeit bedürfe (...) und diese müsse exakt dort einsetzen, wo Morris begonnen habe.

 

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