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form+zweck 17

Morphologie / Neobiologie

 

 

Jörg Petruschat

Editorial

 

Was unterscheidet den Jahrhundertwende-Wunsch, Gestaltung an Formen der Natur auszurichten von der heutigen Faszination an Neo-Biologie, Haifischhaut und autonomen Systemen?
Um 1900 erschien Natur als ein Reservoir ideal funktionierender Formen, entstanden in einem jahrmillionenlangen Entwicklungsprozeß. Heute, um 2000, ist nicht das Ergebnis, sondern sind die Prinzipien interessant, die zur Ökologie geführt haben, die die Formen fit gemacht haben, für ein effektives und angepaßtes Dasein. Um 1900 haben Gestalter und Architek- ten in Zeichnung, Foto und Experiment Natur rekonstruiert, um einer industriellen Ökonomie Gestalt zu geben. Heute lassen Programmierer in symbolverarbeitenden Maschinen genetische Algorithmen marschieren, um Formen zu erzeugen, für die es kein Vorbild gibt, obwohl sie Reproduktionsmustern lebender Systeme folgen. Auch hierbei geht es um die Durchsetzung einer neuen Ökonomie. Um 1900 erreichte Gestaltung mit dem Nachäffen der Natur ein rationales Bewußtsein. Um 2000 geben Eliten aus Wissenschaft und Ökonomie die Idee von Planung und Kontrolle auf, weil sie sich Problemen gegenüber sehen, deren Komplexität ihre Menschenhirne nicht mehr zu fassen vermögen. Maschinen sollen es richten, die von Programmen gesteuert werden, die von Programmen geschrieben wurden, die von anderen Programmen gezeugt, trainiert und perfektioniert worden sind.
Glaubte man um 1900 aller Probleme durch geniale Planung und Übersicht Herr werden zu können, erscheinen gegenwärtige Probleme nur in cybernetischen Modellen emulierbar, die auf schnell getakteten Plattformen der Echtzeit konkurrieren. Die Formen und Muster, die dabei entstehen, entstammen nicht dem Menschenleib, sondern dem Code co-evoluierender Software. Welche Zukunft hat, wenn das Konzept von Planung maschineller Rechnung zum Opfer fällt, die Formgestaltung?