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form+zweck 17

Morphologie / Neobiologie

 

 

Reinhard Krüger

Gedächtnisspuren und morphologische Stabilität

 

Kulturen verschwinden nicht, wenn sie vergehen.

Sie bilden Unterlagen für jene, die sie überschreiben mit neuen

Symbolen und Ritualen. Reinhard Krüger untersucht die

morphologische Stabilität von Palimpsesten.

 

I. Ohne den Verbrauch von Vorhandenem kann menschliches Leben nicht stattfinden. Dies bezieht sich nicht nur auf die materiellen Güter, die der physischen und biologischen Reproduktion des Menschen und seiner Gesellschaft dienen. Dies gilt auch für die »immateriellen« Produkte des Geistes, die in einer regelrechten Ökonomie des Austausches intellektueller »Münze« gewechselt, verbraucht und durch neue mentale Konstrukte überschrieben werden. Jede Überschreibung der Erzeugnisse kultureller Praxis löscht aus und gliedert sich zugleich den Strukturen des Ausgelöschten ein. Was sich hier als das Neue zeigt, weist in Wirklichkeit Strukturen des Alten auf, da es in dessen Negation entstanden ist. Es scheint so verborgene Pfade morphologischer Stabilität jenseits des physischen Verschleißes, jenseits des geschichtlichen und kulturellen Wandels zu geben. Diese Stabilität freilich manifestiert sich nicht nur in formaler Hinsicht, sondern bezogen auf mentale Konstrukte hat es den Anschein, als gehörten zu dem Phänomen morphologischer Stabilität auch semantische Strukturen, welche den Prozeß der Auslöschung ihres Trägers überdauern.

II. Seit sich Ciceros Somnium Scipionis irgendwann im 2. oder 3. Jahrhundert unserer Zeit von seiner Ursprungsschrift, von Ciceros De re publica entfernt hatte und begann, ein literarisches Eigenleben zu führen, wußte man, daß dieser Text aus Ciceros Staatslehre stammte. Doch so genau man den Traum des Scipio, insbesondere auch durch die umfangreichen Kommentare des Macrobius (5. Jahrhundert) das gesamte Mittelalter hindurch kannte, so wenig wußte man von Ciceros De republica. Der Text war verschollen. Was man wußte, war mehr Vermutung als Wissen.
Im Zuge der Manuskriptfunde des 15. Jahrhunderts wird De re publica nicht wieder gefunden. Folianten, Codices, die diesen Text enthalten könnten, existierten nicht mehr. Man begann sich damit abzufinden, daß dieser Text verloren sei. Erst ein anderer Blick auf die überlieferten Handschriften konnte hier noch helfen.
Man wußte, daß Pergament früher ein sehr teurer Schreibuntergrund war. Eine Pergamenthandschrift hatte im Mittelalter immer die Funktion einer vollwertigen Ausgabe eines Textes. Nur was auf Dauer niedergelegt werden sollte, wurde auf Pergament geschrieben. Was geschah jedoch mit Büchern aus so teurem Material, wenn der Text nicht mehr interessierte? Er wurde auf die verschiedenste Weise ausgelöscht, das Pergament für die erneute Verwendung aufbereitet und mit dem neuen Text überschrieben. So sind sichtbare Texte über unsichtbaren Texten entstanden, Bücher in andere Bücher geschrieben worden. Den alten Text konnte nur eine Archäologie des Schreibens freilegen. Am Anfang solcher pergamentenen Bücher steht die Überzeugung, daß Texte, deren Gültigkeit als dauerhaft angenommen wird, auf ebenso dauerhaftem Material niedergeschrieben werden sollen. Der wertvolle Text wird einem ebenso wertvollen Medium anvertraut. Aus dieser Übereinstimmung wird eine paradoxe Konstellation, sobald die gesellschaftlichen Bewertungen des gespeicherten Textes sich im Zuge gesellschaftlicher Veränderungen selbst verändern: Der Wert des Schreibmaterials bleibt, während der Text bedeutungslos wird. Das Medium erhält seinen Wert, weil die Gesellschaft ihm diesen Wert weiterhin beimißt, während die vom Medium bewahrten Zeichen als gültiges Äquivalent für den Austausch von Ideen entwertet sind. Der Gebrauchswert des Textes und der des Schreibmaterials treten hier vollständig auseinander. Die Ökonomie des Scriptoriums und die des Denkens und der Sprache korrespondieren jetzt auf eine Weise, daß der alte Text als preiszugeben definiert wird.
Ein italienischer Archivar und Bibliothekar des beginnenden 19. Jahrhunderts, Angelo Mai, kannte jedoch das prekäre Verhältnis in der Ökonomie von Medium und Text im Mittelalter. Er wußte, daß unter den lesbaren Texten ausgelöschte zu finden sein würden.

III. Was er gewußt haben mag, können wir jeder Definition und Beschreibung der Strukturen eines Palimpsets entnehmen. Matt T. Roberts und Don Etherington schreiben in ihrem einschlägigen Wörterbuch Bookbinding and the Conservation of books über das Palimpsest:
Das Palimpsest ist ein Manuskript, das aus einer späteren Schrift besteht, die über eine ursprüngliche Schrift gelegt wurde, nachdem diese weitestgehend entfernt wurde. Ein doppeltes Palimpsest ist eines, welches aus zwei aufeinander folgenden Schriften besteht, und daher auch aus zwei Vorgängen der Entfernung von älterer Schrift. Das Maß, in dem die ältere Schrift entfernt werden kann, hängt in großem Maß von der verwendeten Tinte ab. Frühe Kohletinten, die gerade auf der Oberfläche des Pergaments liegen, konnten mehr oder weniger vollständig mit einem Schwamm entfernt werden. Doch die späteren Eisengalletinten waren sehr viel schwieriger zu entfernen aufgrund der Wechselwirkung mit den Fasern des in der Tinte enthaltenen Tannin. Sie mußten weggekratzt und dann mit einer schwachen Säure behandelt werden, wie beispielsweise Zitrussäure einer Orange. Selbst dann blieben Spuren der ursprünglichen Schrift erhalten. Befeuchtete man das Pergament auf diese Weise, dann wurde es so weich, daß es erforderlich wurde, die Haut mit getrocknetem Kalk zu
behandeln, um sie wieder zu trocknen und weiß zu machen. Das Wort Palimpsest stammt aus dem Griechischen und bedeutet »wieder auslöschen«. Es bedeutet auch »Wiederschrift«. 1
Das Palimpsest ist also mehr, als seine unmittelbare und erste Anschauung nahelegt: es zeigt das Neue, die Überschreibung, die als solche erkennbar werden, wenn man des Alten und Verschwundenen gewahr wird. Die materielle Faktur des Untergrunds weist uns darauf hin ebenso wie ein verbleibender Rest des Überschriebenen.
Mit ähnlichen Kenntnissen und mit einem so geschärften Blick für das Ausgelöschte las Angelo Mai in Vatikanischen Handschriften unter der Oberfläche der Texte, zwischen Schriftauftrag und Pergament, und entdeckte unter einer Augustinus-Handschrift Ciceros De re publica. Alles, was wir heute von diesem Text wissen, verdanken wir dem Fund des Angelo Mai. Dieser fügte sich einem Schlußstein gleich in die Architektur der Kenntnisse von der römischen Antike. Er, der unter den sichtbaren Texten die unsichtbaren lesen konnte, der in die Tiefe der Strukturen des Pergaments zu blicken vermochte, um die ausgelöschte Schrift sichtbar zu machen, der die Schreibhandlungen anderer an ihren Spuren erkennen und mitteilen konnte, wurde dafür von Giacomo Leopardi in einem Sonett verewigt.

IV. Irgendwie jedoch mag es sein, daß der alte Text mehr als nur seine, dem Kenner entzifferbaren materiellen Spuren hinterläßt. Es scheint, als determiniere er den Schreibuntergrund auch semantisch. Es ist immerhin bemerkenswert, daß Angelo Mai Ciceros De re publica unter einer Schrift von Augustinus' Civitas Dei gefunden hat. Das staatstheoretische Manifest der römischen Welt war hier überschrieben von dem ebenfalls staatstheoretischen Manifest der christlich-lateinischen Welt. Das vatikanische Palimpsest wird so zum Symbol der Ablösung des antiken durch das spätantik-christliche Staats- und Gesellschaftsmodell. Die Römische Republik ist hier überschrieben von dem christlichen Gottesstaat. Und in der Tat suchte Augu-stinus jenseits des weltlichen Staates, dessen Grundrisse von Cicero ja bestens beschrieben waren, nach jenem anderen, spirituellen Staat, der der Staat Gottes sein würde. Der unbekannte Schreiber des Mittelalters hat bei seiner Überschreibung der Schrift des Cicero mit der des Augustinus im Medium der Schrift und des Buches nur vollzogen, was der Kirchenvater selbst bereits programmatisch angelegt hatte.
Ob Zufall oder Absicht: diese Konstellation von antik-römischem und christlichem Staatstraktat wirft ein Licht auf die Ablösungsprozesse, die sich in der Praxis des Herstellens von Palimpsesten vollziehen. Dieses Palimpsest ist ein Modell für die zeichengebende Praxis überhaupt, jedoch nicht nur für diese, sondern auch für alle nicht-intentionalen Akte des Anbringens von Veränderung an der Umwelt.

V. Jeder Schritt im Sand oder auf steinerner Stufe löscht die vorherigen Schritte aus und addiert sich mit deren Wirkungen zu einer neuen Gesamtspur. Jedes Wort, welches wir aufnehmen und selbst verwenden, wenden wir in einer jeden konkreten Situation notwendig wieder neu und überschreiben damit gleichsam die Verwendungsweise und den Sinn des Wortes, die wir einstmals erlernten.
Das Palimpsest erscheint als eine geeignete Metapher für Zeichenprozesse in historischer Perspektive. Jede menschliche Handlung hinterläßt Palimpseste insofern das Produkt einer jeden menschlichen Handlung eine Tiefenstruktur in der Zeit aufweist, die mit dem aktuellen Produkt als Virtualität verbunden ist, eine Virtualität, die zu lesen erlernt werden kann. Nur wer weiß, daß sich unter der sichtbaren Schrift Ausgelöschtes befindet, kann sich auf die Suche nach diesem begeben. Nur wer weiß, daß die heute geübte Geste eine vergangene auslöscht, kann einen Körper lesen, dessen Artikulationen sich immer im Raum geschichtlicher Zeit konstituiert haben.
Die Phänomene kulturellen Handelns, die mit dem Modell des Palimpsests beschrieben werden könnten, sind zahllos. Was der sumerische Schreiber in den feuchten Ton griffelt und wieder löscht, was der Stenograph des römischen Senats in die cera, die Wachstafel ritzt, um es nach Verarbeitung wieder zu löschen, weist die gleiche Qualität auf wie die Daten, die wir durch das Formatieren einer Diskette löschen. Es handelt sich um unwiederbringlich Verlorenes. Der Verlust der früheren Daten liegt hier intentional im Medium und seiner Handhabung selbst begründet. Bestenfalls ein gutes, trainiertes und nach den Regeln der Kunst geschultes Gedächtnis kann hier noch erinnern, was aus dem Medium keinesfalls mehr gewonnen werden kann. Es ist bemerkenswert, daß Quintilian und viel später Descartes aber genau die Wachstafel als Modell des Gedächtnisses genutzt haben. Seitdem wissen wir eigentlich erst genau, was es bedeutet, sich etwas einzuprägen. Die Operation mit dem Medium wird zum sinnlichen Begriff und zum Modell dessen, von dem wir glauben, daß es etwa so in unserem Kopf und Körper sich vollziehen könnte.
Architekturen, zerstörte Kunstwerke und Inschriften, Gärten, Ruinen, Überbauungen, die Koexistenz alter und neuer Signaturensysteme in Bibliotheken können unter dem Gesichtspunkt der binären Struktur des Palimpsests betrachtet werden. Jede Modellbildung und jede Metapher, schließlich auch jede Substitution eines Zeichens durch ein anderes weisen die Struktur eines Palimpsests auf, da willkürlich gesetzte, jedoch durch offensichtliche Ähnlichkeit gestiftete Beziehungen zwischen dem Überschriebenen und dem Überschreibenden angenommen oder postuliert werden. Mit der Modellbildung wird die Vorstellung von dem zu modellierenden Objekt überschrieben. Mit der Metapher überschreiben wir unsere Vorstellung von einem Objekt unserer Wahrnehmung durch ein Bild, das mit Vorstellungen verbunden ist, die jenen des Objekts analog sein mögen. Grüßen wir beispielsweise mit einem erhobenen Finger (»Hi! wie geht's ?«) dann ersetzt dieser die früher einmal zum Gruß erhobene Hand so wie diese einmal den erhobenen Arm und dieser schließlich den ganzen im archaischen Begrüßungsritual hervortretenden Körper ersetzt hat. Es ist ein in der Zeit wie im simultan sich artikulierenden Körper tief gestaffeltes System von Abbreviaturen und Einfaltungen, zwischen deren jeweiligen Stufen Strukturen und Transformationen bestehen, die mit dem Modell des Palimpsests beschrieben werden können.

VI. Die moderne Luftbildarchäologie liefert uns schließlich die bemerkenswertesten Palimpseste des Raumes. Die aus der Luft als Palimpseste des Bodens erkennbaren, umfangreichen Terrassierungen des Bodens auf Yucatán zeigen uns heute noch, in welchem Maße die Maya den Raum, den sie einst bewohnten, auch durch agrikulturelle Handlungen im Rahmen eines hoch differenzierten Systems sozialer Organisation der Arbeit zu integrieren imstande waren. Einstmals menschlich besiedelte Räume wurden aufgelassen. Ihre Kultivierung wurde eingestellt und schließlich lebte in diesen Räumen niemand mehr. Dennoch erkennen wir unter dem, was durch Preisgabe dieser Räume an die spontanen Naturprozesse entsteht, die Spuren einstmaligen menschlichen Handelns, welches diese Räume den menschlichen Lebensbedürfnissen unterstellte. Auslöschung der humanen Raumstrukturen durch Auflassung der Siedlung und Agrikultur bedeutet hier nicht die Beseitigung der Spuren. Die Verdichtungen im Boden, dort, wo einstmals Wege führten, wo Fundamente errichtet waren und sich vielleicht noch immer unter der Bodenkrume befinden geben den Rahmen vor, in dem sich die spontanen Naturprozesse vollziehen können. Was hier entsteht, ist immer durch vergangenes menschliches Wirken geprägt, dessen Spuren uns aus der Luft sichtbar bleiben. Die Grenzlinien der aufgelassenen Siedlungen stehen nach dem Modell das Palimpsests für die Schrift, die in diesem Fall durch Nicht-Handlung gelöscht wurde und deren Überschreibung durch andere als menschliche Kräfte zugelassen wurde, bis die Erinnerung an diese Orte verschwunden war.2 Günstigstenfalls bleiben dann noch Flurnamen von Landstrichen irgendwo außerhalb der menschlichen Besiedlung, deren Herkunft niemand mehr kennt.3 Diese Namen sind die sinnentleerten Zeichen, mit denen im Gedächtnis die letzte Spur einer sonst gelöschten Erinnerung an vergangene soziale Praxis gespeichert ist.
Die Funktion der Flurnamen übernehmen in den virtuellen Räumen und Geograhien der heutigen Zeit die Internetadressen (URLs) von Adressaten, die in eine merkwürdige Doppelexistenz eingetreten sind. Es ist jederzeit möglich, beispielsweise mit der Fundación San Telmo in Buenos Aires via e-mail zu korrespondieren. Sucht man sie vor Ort an der angegebenen A-
dresse in der Topographie von Buenos Aires auf, dann wird es schwierig, überhaupt jemanden zu finden, der sich noch an den Sitz dieser für die argentinische Geschichte und ihre systematische Speicherung nicht unbedeutenden Organisation erinnern kann. In der physikalischen Topographie verschwindet damit eine Anschrift, die in der Topographie der virtuellen Räume noch existiert und funktionstüchtig ist. Das elektronische Routing, welches die Wege in die Richtung dieses Ortes im Internet bahnt, ist derzeit erfolgreicher als der Besucher, der sich mit dem Stadtplan gerüstet in Buenos Aires auf den Weg dorthin begeben will. Die Daten, die man hinsichtlich der topographischen Lage einer solchen Institution aus dem Internet beziehen kann, treten damit auseinander und weisen eine perfekte Palimpsest-Struktur auf: was im physikalischen Raum durch den Umzug des Adressaten bereits gelöscht ist, wird im virtuellen Raum noch bewahrt und mehr noch, es bleibt als virtuelle Adresse funktionstüchtig. Die alte homepage enthält Daten, die hier auseinandertreten: während die Postanschrift ungültig geworden ist, bleibt in den Speichern des Internet eine Information enthalten, die als Spur dieser alten Topographie verstanden werden kann. Die Internet-Adresse existiert und funktioniert demnach unabhängig von den tatsächlichen topographischen Verhältnissen, und dies gegebenenfalls so lange, wie die entsprechende homepage bei einem Server gespeichert, bezahlt und damit erreichbar ist. Es gibt Steigerungen dieses Verhältnisses: Nutzer des Internet, die in den ersten Jahren der Euphorie dort eingestiegen sind, lassen ihre homepages, gestaltet von veralteten Computern verwahrlosen. Das letzte update hat dann vielleicht im Jahre 1995 stattgefunden und will man den Anbieter erreichen, dann stellt sich heraus, daß selbst die angegebene Internet-Adresse nicht mehr gültig ist. Es entstehen Zonen des Internet, die vielleicht mit dem Bild der Geisterstädte nach durchgezogenem Goldrush beschrieben werden könnten. Niemand pflegt diese Orte, niemand füllt diese mit Daten und damit mit dem, was in der elektronischen Virtualität als Zeichen für Leben genommen werden könnte. Sie überdauern nur noch als elektronische Bilder einer vergangenen, jetzt nicht mehr betriebenen Aktivität. Die Ströme des Internet fließen an ihnen immer mehr vorbei, so lange, bis kein link und keine Suchmaschine mehr auf sie hinweist. Werden sie dann aus dem Netz genommen, erreicht vielleicht ein dead-link-report den Anbieter, der noch diesen link auf seinen Seiten hatte. Der dead-link wird dann beim nächsten update der homepage gelöscht und mit ihm die im Netz gespeicherte Erinnerung an diese Seite, die nunmehr, unerreichbar, irgendwo in der Welt, als Gegenstand einer zukünftigen Archäologie elektronischer Publikationen, noch ihren Speicherplatz beansprucht. Der Archäologie der Computerspiele, wie sie vom Berliner Museum für Computerspiele betrieben wird, der Archäologie der ausgestorbenen Medien, welche das Dead Media Project befördert4, müßte durchaus eine Archäologie des Internet-Designs zur Seite gestellt werden. Wenn die erste Generation der Macintosh-Computer bereits auf dem Souk von Agadir in Marokko als Trödel verkauft wird 5, dann wird vorstellbar, mit welchen Geschwindigkeiten im Bereich der elektronischen Ver- und Bearbeitung von Informationen erworbene Kenntnisse und Fähigkeiten entwertet und in neue komplexe Handlungsstrukturen überführt werden. Mit dem Verschwinden der Medien schließlich verschwindet auch die Kenntnis ihrer Handhabung. Die gerätebezogenen Gebrauchsbewegungen werden durch andere ersetzt.

VII. Kunst, wie jede menschliche Handlung, hat Teil an diesem vielleicht universellen Prinzip des Erzeugens von Palimpsesten. Gerade dies jedoch hat die Attraktivität und die Bedeutung dieses Begriffs für die Künstler selbst begründet, die sich ausführlich mit der palimpsestartigen Struktur der Traditionsverhältnisse befaßt haben, in denen sie selbst sich befinden. So hat Rich J. Galpin, amerikanischer Künstler in der Pop-Art-Tradition, in einem Essay sein Interesse am Phänomen des Palimpsests so bestimmt:
My interest in erasure sytems from my work as an artist. I am involved in work that deletes various texts, and am excited by the subtle play that erasure seems to create when executed in certain ways.6
Die Struktur der Handlungen, in denen Palimpseste entstehen, finden sich in der artistischen Produktion selbst. Es gibt keine Kunstproduktion, in der die schreibende, zeichnende, skulptierende, in jedem Fall die suchende Hand nicht immer wieder korrigiert (ob zum besseren ist nie ganz gewiß), überschreibt, auslöscht, verwirft, um zu erzeugen, was ohne die zuvor gesammelten und nun ausgelöschten Erfahrungen nicht hätte erzeugt werden können. Jedes Kunstwerk ist ein Patchwork aus Überschreibungen, Tilgungen und Rasuren. Daher muß das Phänomen des Palimpsests den Artisten interessieren.
So ist sich auch Galpin dessen bewußt, daß er hier in einer Tradition der bewußten Inszenierung des Palimpsestartigen der Kunstproduktion steht, die er selbst in die frühen Jahre des Pop-Art zurückverfolgen kann. Im Jahre 1953 hat sich Robert Rauschenberg von seinem Lehrer de Kooning eine Zeichnung eigens zu dem Zweck geben lassen, daß er an dieser Auslöschungen mit verschiedensten Materialien vornehmen könnte. Es entstand das Erased de Kooning Drawing, in einem, so Rauschenberg, nahezu einen Monat andauernden Prozeß des erase/make7. Die Auslöschung ist mehr als Zerstörung. Die Spuren des Akts der Auslöschung sind Spuren von Handlungen, die als solche Schöpfungen sind. Die Paradoxie der zerstörenden Schöpfung, die Rauschenberg in Szene gesetzt hat, übersetzte Jasper Johns in das Paradox des Begriffs der »additiven subtraction«.8 Jede Handlung verzehrt die Spuren anderer Handlungen. Indem sie diese verzehrt, stellt sie diese als ausgelöschte Spuren dem Lesekundigen zur Verfügung. In der Dialektik von Auslöschung und Neuschöpfung zeigt sich die Spannung des Dialogs, aus dem die binäre, aus Altem und Neuem gebildete Struktur des Palimpsests hervorgeht.
Das Palimpsest besteht für die menschliche Praxis so lange, wie es Menschen gibt, welche die Spuren unter den Sichtbarkeiten zu lesen verstehen. Das »Lesen« kann hier auch getrost in einem übertragenen Sinne verstanden sein. Auch das Durchschreiten von Räumen ist so etwas wie die Lektüre des Raumes, die Lektüre der von ihm gebotenen Bedingungen der Bewegungen. Leser ist der den Raum durchmessende und vermessende menschliche Körper.
Die alte Struktur des Raumes wird, selbst wenn nichts mehr da ist, was an diese zu erinnern scheint, gewahrt, solange es die Nutzer des Raumes gibt, die imstande sind, diesen Raum nach seinen früheren Strukturen zu durchmessen. Etwa so, wie wenn nachts das Licht auf der Treppe ausgeht: wer bereit ist, blind weiterzugehen und auf die Spuren von motorischen Schemata zu vertrauen, die in vielleicht Tausenden von Treppenbesteigungen erworben sind, der wird das richtige Maß in der Bewegung finden, die Stufen zu meistern. Ein optisch nicht mehr kontrollierbarer Raum wird so mit Hilfe der in den Körperschemata und den Gedächtnisspuren der Körpermotorik gespeicherten Erinnerung sicheren Schrittes durchmessen. Erst, wenn man versucht, sich im Dunklen zu orientieren, sich nicht auf die Erinnerung und das aus ihr sich ergebende Gefühl zu verlassen, wird der Abstieg von der Treppe zu einem Risiko. Menschen können offensichtlich mit Erfahrungen, mit Erlerntem sicher operieren, welches nicht Gegenstand einer beständigen Kontrolle sein muß. •

Berlin, den 22. Juni 1999,
verändert vorgetragen am 27. Juni 1999,
überschrieben am 11. Juli 1999,
erneut überschrieben am 21. Oktober 1999

1 Matt T. Roberts / Don Etherington: Bookbinding and the Conservation of Books: A Dictionary of Descriptive Terminology, Art. Palimpsest as an e-text in the Internet at: http://palimpsest.stanford.edu/don/don.html
2 J. v. Kunow (ed.): Aerial Archaeology in Eastern and Central Europe. International Symposium 26.-30.9.1994, Klienmachnow, Germany. (Archaeological Research in the State of Brandenburg), Brandenburg State Museum, 1995
3 Günther Mangelsdorf: Die Ortswüstungen des Havellandes, De Gruyter, Berlin 1994
4 On the Internet at:

http://www.wel.com/user/jonl.deadmedia/
5 As seen by the author in February 1998.
6 Rich J. Galpin: Erasure in Art: Destruction, Deconstruction and Palimpsest, February 1998
7 Robert Rauschenberg: Catalogue, Smithsonian Institution, Washington 1976, page 75
8 Jasper Johns: Paintings, Drawings and Sculpture 1954-1964, London, Whitechapel Gallery 1964, page 27