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form+zweck 17

Morphologie / Neobiologie

 

 

Hilko Neupert | Karl Rueskäfer

ID: hybrid (plant)

 

Als es Wissenschaftlern gelang, der Natur Algorithmen für Form und Wachstum zuzuweisen, entdeckten sie an ihr eine bisher unbekannte Schönheit. Ein paar Jahrzehnte später wurde aus der Beschreibung der Natur das Projekt, ihre Entwicklung zu simulieren. Für Hilko Neupert und Karl Rueskäfer sind Wissenschaftler, die auf der Basis mathematischer Algorithmen künstliche Kreaturen erschaffen, in virtuellen Räumen Leben simulieren, digitale Gärten pflegen und molekulare Netzwerke konstruieren, die Dada-
isten der Forschung von heute. ID_hybrid ist ein Pro-jekt von 1999, in dem Neupert und Rueskäfer nach neuen Plattformen suchen für Interferenzen zwischen Wissenschaft und Kunst.


ID:_hybrid ist eine reine Netzarbeit, eine virtuelle Installation, die von Wachstumsprozessen und Prinzipien künstlicher Organismen, ihren Veränderungen und Modifikationen in Echtzeit im virtuellen Raum eines Computers handelt. [plant 129] ist eines ihrer Geschöpfe, ein Symbiont aus realer und virtueller Welt. Mit Daten als Rohstoff hat der Rechner eine der Natur vergleichbare Schönheit im virtuellen Raum wachsen lassen - einmalig und selbst organisiert.
ID:_hybrid scannt die web-Identifikation (Name, E-mail, Hostname, IP-Adresse) des real existierenden Benutzers und überträgt sie in die virtuelle Welt unseres Java-Ökosystems. Aus diesen Benutzerdaten wird der urgenetische Code eines spezifischen und persönlichen Gewächses gebildet. Dieser hybride Code entwickelt sich in der digitalen Evolution generativer Algorithmen, die durch kontinuierliche Mutationen neue Formen schaffen. Für ID:_hybrid sind in diesen Algorithmen bestimmte Regeln festgelegt und Aufgaben gestellt, zum Beispiel: verzweige deine Äste so, daß sie genug Sonne (Energie) bekommen; pumpe ausreichend Wasser. Alle weiteren Fähigkeiten und Antriebe besorgen Mutation und Selektion. So wie Veränderungen im Erbgut der DNS dem Elefanten einen Rüssel reproduzieren ließen, sorgen ungeplante Variationen im Programmcode für längere Verzweigungen oder Drehungen der Äste. Diese der Natur abgeschaute Strategie erlaubt es, komplizierte virtuelle Systeme zu schaffen, ohne sie bis ins einzelne planen zu müssen. Sie stellen durch die rasante Generationsfolge (in der Taktfrequenz des Rechners) sehr viel mehr Code-Kombinationen, als sich der Mensch im selben Zeitraum erdenken könnte. Es wird Leben geschaffen, indem es simuliert wird. Nicht ein Leben auf der Basis von Kohlenstoff, wie wir es als Flora und Fauna und natürlich an uns selbst kennen, sondern ein Leben aus einem x-beliebigen, bloß virtuellen Material. Natur wird hier nicht kopiert, sondern sie dient dem Mathematiker und Informatiker, der die Algorithmen schreibt, nur als Beispiel und Anregung. Es werden digitale Lebewesen kreiert, die nichts anderes sind als Muster prozessierender Einsen und Nullen. Die Form ist allein abhängig von der Identität des Benutzers von ID:_hybrid, die als Programmcode dem Evolutionsprozeß das virtuelle Material gibt, sowie von den Zufälligkeiten des weiteren Wachstumsprozesses.
In einem advanced modus können die Benutzer von ID:_hybrid selbst neue Pflanzen kreieren, bestimmte Qualitäten erzeugen, Pflanzen als cookie speichern sowie Kreuzungen zwischen einer eigenen Pflanze und einer Pflanze aus der Genbibliothek erstellen. Man hat die Möglichkeit Sex (Kreuzungsversuche) zwischen den einzelnen user_genetic_plants zu betreiben: zum Beispiel teal [teal@mannesmann.com] und pc1 [207.7.4.10] mit firefox01 [fox@t-online.de] und goodie [131.234.10.2]. Die derart neu gewonnene Hybridzüchtung stellt einen Mittelwert beider Identifikationen dar. Damit verliert die genetic_plant ihre Herkunftsidentität.
Wir haben aus den vielen Evolutionen [plant 129] ausgewählt und aus der virtuellen in die reale Welt zurückübertragen. Wir transferierten einen bestimmten Entwicklungszustand von [plant 129] mittels Stereolithographie aus unserem Java-Ökosystem in den physischen Raum: Ein Laserstrahl härtet nach dem Datenmodus, der den bestimmten Entwicklungszustand von [plant 129] beschreibt, ein dreidimensionales Volumenmodell in Kunstharz aus. [plant 129] wird geboren und stellt einen trip zwischen Kunst und Computerwissenschaft dar.