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form+zweck 17

Morphologie / Neobiologie

 

 

Silke Rothkirch

Rothkirch spricht Kiesler

 

»... denn es liegt ein weltweiter Unterschied zwischen den Baumethoden, die der Natur
zugänglich sind und jenen des Menschen«
Friedrich Kiesler, 1938

Kiesler hat eigentlich alles gemacht: Theater-Apparaturen, Fertighäuser, Skulpturen, Möbelkonstruktionen, Schaufensterdekorationen, Kultstätten, Ausstellungen, Designforschung. Seine Arbeit ist dennoch kein Sammelsurium widersprüchlicher Tätigkeiten. Kiesler hat die Frage nach den Beziehungen zwischen Wesen und Dingen, ihren »inneren Zusammenhang« ins Zentrum seiner theoretischen Betrachtungen gestellt. Dieser innere Zusammenhang besteht auch zwischen seinen Projekten. So spielen die Bindungen der Menschen untereinander - für Kiesler moderne Zeitgenossen und mit Sinnen ausgestattete Naturwesen zugleich - die Hauptrolle in seinen Plänen, die oft nicht realisiert wurden. Auf einmal erscheint uns eine Ahnung vom inneren Zusammenhang, des Organismischen von Bühnenaufbau und Einfamilienhaus.


Rothkirch spricht
Das Ei, die Algen, die Muscheln und Schnecken sind die neuen Lehrmeister der Architekten und Ingenieure geworden. Allen diesen Naturstrukturen ist gemeinsam, daß sie dank ihrer gekrümmten Form nur ein Minimum an Materie für ein Maximum an Stabilität benötigen.1 Michel Ragon, der dies 1968 schrieb, faßte auch Ihre Arbeiten, Herr Kiesler, unter jene, die sich an »Naturformen« und deren Konstruktionsprinzipien orientieren.

Kiesler spricht
Die Eierschale ist das hervorragendste und bekannteste Konstruktionsbeispiel für größtmögliche Widerstandsfähigkeit gegenüber innerer und äußerer Belastung in Verbindung mit größtmöglicher Kraft. Aus diesem einfachen Beispiel können wir etwas lernen. Das bedeutet nicht, daß ein Haus wie ein Ei aussehen soll. Die ideale Konfiguration für ein Haus mit dem geringstmöglichen Widerstand gegenüber äußerer wie innerer Belastung folgt keiner ovalen Form, sondern orientiert sich vielmehr an einer kugelförmigen Matrix: eine abgeflachte Kugel.
Der Schnitt durch den Äquator ist kreisförmig, der Längsschnitt elliptisch. Hier wird Stromlinienform zu einer organischen Kraft, die mit dem dynamischen Gleichgewicht der Körperbewegung innerhalb eines umschriebenen Raumes in Beziehung steht.2

Ihr »Endloses Haus« wirkt wie ein versteinertes, einst organisches Gebilde, eine Höhle zusammengestapelt aus Eierschalen-Fragmenten.

Die fortlaufende, fließende Schalenkonstruktion des »Endlosen Hauses« ist keine Nachahmung eines Eies. Die kugelige Gestalt leitet sich von der sozialen Dynamik der zwei oder drei Generationen ab, die unter einem Dach leben. [Als] architektonische Form basiert das Endlose Haus auf einem Beleuchtungssystem, das entworfen ist, um mehr zu leisten, als nur physikalische Information zu geben. [...] Das Licht kann die physischen Grenzen unserer Häuser zurückdrängen.3 Das »Endless House« wird als endlos bezeichnet, weil sich alle Endpunkte wieder und wieder treffen. Es ist endlos wie der menschliche Körper - es hat keinen Anfang und kein Ende. Das »Endless House« ist eher sinnlich, gleicht mehr dem weiblichen Körper als der männlichen Architektur mit ihren Ecken und Kanten. Im »Endless House« treffen wie im Leben alle Endpunkte aufeinander. Die Lebensrhythmen sind zyklisch. Alle Endpunkte des Lebens treffen im Ablauf von vierundzwanzig Stunden, einer Woche, einerLebenszeit aufeinander.4

Lebendiges, sich Bewegendes als Kategorie des Entwerfens? Die Möbel oder besser möbelartigen Objekte für Peggy Guggenheims Galerie haben die Gestalt von Amöben, die während einer Bewegung in Holz und Linoleum fixiert wurden.

Die Ruheform der Sitze, die ich 1942 für die Art of this Century Gallery entwarf, [...] waren eine Art Welle, die hinunterkurvte, hochsprang und wieder hinunterfiel und somit ein Objekt ohne Anfang und Ende bildete. In seinen konvexen Kurven konnte der Körper entspannen. Die Ruheform hatte weder Armlehnen noch Füße und konnte auf jeder ihrer Seiten stehen. Sie konnte sich selbst in einen Sessel, in die Stütze für eine Skulptur, in ein Bild, oder in einen Tisch oder in eine Bank verwandeln. Diese Ruheform konnte 18 verschiedene Funktionen erfüllen. Ich hatte nur sechs davon vorgesehen, die anderen kamen automatisch zum Vorschein als Ergebnis der Wechselbeziehungen mit den Bedingungen des Umraums. Diese Ruheform ist praktischer, ökonomischer und funktionell adäquater als ein Sessel, ein Sofa oder ein Stuhl. [...]

Eine interessante Variante funktionalistischen Designs!

Wir haben hier das konkrete Beispiel der Effektivität des Correalismus. Das ist die Bezeichnung, die ich meiner Design-Theorie gab. Der funktionelle Kern [der Ruheform] war so kraftvoll verdichtet, daß er zu seiner Hauptfunktion andere Funktionen erzeugte, wie sie gerade praktisch waren und unvorhergesehen. Diese 18 Möglichkeiten waren nicht das Ergebnis eines technischen Popanzes, sie waren in der Anfangszelle des Projektes enthalten, wie die vielseitig spezialisierten Funktionen der Organe schon im amorphen Embryo des Menschen vorhanden sind.5

Was ist Correalismus?

Woraus besteht für den Designer die Wirklichkeit? [...] Seine Objekte und ebenso jene der Natur sind Orte des Kräfteaustauschs. Die Wirklichkeit besteht nicht in den Begrenzungen des Körpers an sich, sondern in der Kraft zu harmonischemZusammenwirken. Die Realität liegt nicht in irgendeinem Objekt, egal ob von der Natur oder vom Menschen geschaffen, sondern in der Wechselbeziehung (Correalismus).Correalismus ist der eigentliche Stoff, der das Leben verewigt. Correalismus ist die eigentliche Kraft der Fortdauer.6

Was bedeutet das in der Entwurfsarbeit, in Ihrer künstlerischen Praxis?

Meine Skulpturen betrachte ich [...] als aus unterschiedlichen Materieteilchen bestehend, die verbunden und doch getrennt sind; die wie galaktische Strukturen erscheinen, in denen jeder Teil in Koexistenz, in Korrealität mit den anderen lebt. Und doch hängt diese Wechselbeziehung, gleichgültig ob über eine kleinere oder größere Distanz, nicht notwendigerweise von physischen Verbindungen ab. Wie bei der drahtlosen Elektrizität gibt es Wechselbeziehungen ohne ein Verbindungsglied. [...] Zwischen (den) körperlichen Elementen liegen verschiedene leere Spannungsfelder, die die Teile wie Planeten im All zusammenhalten.7

Sie gestalten Beziehungen, energetisch betrachtet. Zentrum Ihrer Untersuchungen und Entwürfe ist das Haus als Ort des Menschlichen. Warum?

Das Haus ist keine Lebensmaschine. Es ist vielmehr ein lebender Organismus mit einem hochsensiblen Nervensystem.8 Das Haus muß als Generator für das Individuum wirken. Die Kräfte, die es erzeugt, müssen sich in die Außenwelt entladen. Die Außenwelt: Die eigene Familie oder jede andere Gruppe.9 Besonders der Bau eines Privathauses ist in einem so hohen Ausmaß eine Frage der menschlichen Beziehung zwischen denjenigen, die in dieser Behausung leben sollen und dem sogenannten Architekten, der dieses Haus für sie konzipiert.10 Die Häuser des Maschinenzeitalters sind aufgesplitterte Räume. Eine Schachtel neben der anderen. Eine Schachtel unter der anderen. Eine Schachtel über der anderen. Bis sie zu Wolkenkratzertumoren gewachsen sind.11

Dem Entwerfenden wächst da eine Rolle zu, die über ein technisch-funktionales Verständnis von Projektierung weit hinausreicht!

In Wahrheit muß jeder Architekt, der heutige Strukturen entwirft, in seinem Entwurf seine Lebensphilosophie, nach der er lebt, offenbaren. Heute ist es der Architekt, der aus den weiten Gebieten der geschichtlichen Dokumentation und der gegenwärtigen technischen Entwicklung die gültigen Fakten auswählen muß, die sich erfolgreich mit einem Beitrag für eine schöpferische Art zu leben koordinieren lassen. [...] Es ist logisch, daß ein Gebäude für einen neuen Inhalt auch eine Form und ein neues Konstruktionsprinzip haben soll.12

Könnte man nicht für diese neuen Konstruktionsprinzipien von der Natur abschauen?

Der Architekt wird erkennen, mit Hilfe welcher Methoden die Natur baut, um ihre Zwecke zu erreichen, und seine Methoden werden als Biotechnik bekannt werden. Indem er ihre Wege und Absichten versteht, eine Struktur zu erreichen, wird er nicht zu einem Imitator der Natur werden. In dieser Hinsicht kann er aus der Katastrophe des Kristall-Palastes London lernen, der 1851 von Paxton gebaut wurde. Paxton hat ihn durch die Imitation derStrukturprinzipien des Laubwerks der amerikanischen Wasserlilie, mit ihren Längs- und Querbalken, 1936 zum Einsturz gebracht. Hoffen wir, daß eine Imitation solcher Art nicht mehr stattfindet, denn es liegt ein weltweiter Unterschied zwischen den Baumethoden, die der Natur zugänglich sind und jenen des Menschen. Bauen in der Natur heißt wachsen. Bauen des Menschen ist ein Hinzufügen. Die Natur baut durch Teilung und Vervielfältigung. Der Mensch baut durch Addition. Der Mensch verbindet durch Nieten, Schweißen, Sperren, Leimen und Nähen. Seine Bindeglieder sind künstlich. Sein Gebäude ist die Summe von Einzelteilen; Anhäufung und wunderbares Flickwerk halten durch die Magie künstlicher Techniken zusammen. Und sogar jetzt wird die Kraft ihrer Dauer nicht vom Menschen bestimmt, sondern wieder von der Natur. So wohnt ihnen der Prozeß der Zerstörung durch die Naturkräfte bereits von dem Moment an inne, in dem man beginnt, die Teile aneinanderzufügen.13

Der eingangs zitierte Ragon stellt Ihren »Shrine of the Book« vor, dessen prägnantestes Gebäudeteil an die Form einer weiblichen Brust erinnert. Wenn ich Sie recht verstehe, handelt es sich gerade nicht um eine technoide Nachbildung des Körperteils unter statischen und materialökonomischen Gesichtspunkten?

Dies ist der erste ideologische Bau in unserer Zeit.
Es ist kein symbolisches Bauwerk.14 Es ist weder eine weibliche Brust, noch eine Zwiebel oder ein Krug.15
Der Schrein entstand aus seinem innersten Konzept, welches in eine Struktur gewachsen ist. [...]
Der Schrein ist dem Konzept der Wiedergeburt gewidmet, ist ihr plastischer Ausdruck. Aber es ist nicht allein die Wiedergeburt Israels. Es ist auch unsere eigene Wiedergeburt. Das wichtigste Ereignis in unserem Leben ist uns selbst zu gebären. Nicht auf die natürliche Geburt zu vertrauen, sondern uns selbst zu erneuern, uns selbst zu zeugen, solange wir noch auf dieser Erde sind.16 •

1 Michel Ragon, Ästhetik der zeitgenössischen Architektur, Neuchatel 1968
2 Friedrich Kiesler, Notes on Architecture, 1934
3 Friedrich Kiesler, The Endless House and its Psychological Lighting System, 1950
4 Friedrich Kiesler, Inside the Endless House, 1966
5 Friedrich Kiesler, Rest-Form, in Transparent 3/4, 1984
6 Friedrich Kiesler, Correalism.
Bio-Technique. A New Approach to Design, Typoskript, um 1938
7 Friedrich Kiesler, Note on Correalism, 1952
8 Friedrich Kiesler, Notes on Architecture as Sculpture, 1966
9 Friedrich Kiesler, Notes on Architecture, 1934
10 Aus einem Brief von 1935, in dem Kiesler ein Angebot ablehnt, Ideenskizzen für ein Einfamilienhaus anzufertigen.
11 Friedrich Kiesler, Inside the Endless House, 1966
12 Friedrich Kiesler, The Universal, 1962
13 Friedrich Kiesler, Correalism.
Bio-Technique. A New Approach to Design, Typoskript um 1938
14 Friedrich Kiesler zur Eröffnung des Shrine of the Book, Jerusalem 1965
15 Friedrich Kiesler, Typoskript, 1960
16 Friedrich Kiesler zur Eröffnung des Shrine of the Book, Jerusalem 1965

Zitiert nach
Friedrich Kiesler. Architekt Maler Bildhauer 1890-1965, herausgegeben von Dieter Bogner, Wien 1988
Frederick Kiesler. Architekt Maler Bildhauer Schriftsteller Bühnenbildner Designer, Museum Bochum und Galerie Nächst St. Stefan Wien, Innsbruck 1975
Friedrich Kiesler 1890-1965: Inside the Endless House, Historisches Museum der Stadt Wien, herausgegeben von Dieter Bogner, Wien, Köln, Weimar 1997


1890 wurde Friedrich Kiesler in Czernowitz/Bukowina geboren, wuchs in Wien auf
1908/09 Studium Wiener Technische Hochschule, 1910 Akademie der bildenden Künste
1923 Berlin: »elektro-mechanisches« Bühnenbild
1924 Wien: Internationale Ausstellung neuer Theatertechnik, architektonische Leitung durch Kiesler, der dafür »Raumbühne« (turmartiges Rundtheater) und »L+T Ausstellungssystem«, Konstruktion aus horizontalen und vertikalen Trägerelementen, entwarf
1925 Exposition Internationale des Art Décoratifs Paris: Kiesler gestaltete die Theaterabteilung der österreichischen Sektion, baute »Raumstadt«, eine monumentale räumliche Struktur zur Präsentation der Exponate. Weitere Projekte: »horizontaler Wolkenkratzer« und Warenhaus in Spiralform
1926 Einladung in die USA, organisierte International Theater Exposition. Kiesler blieb in den USA und wurde amerikanischer Staatsbürger
1928/29 New York City: »Film Guild Cinema«, das erste Kinogebäude, das ausschließlich für Filmvorführung konzipiert war in den folgenden Jahren Arbeit als Designerfür Innenausstattungen, Möbel, Lampen und Schaufenster
1930 Lizenz als Architekt
1931 Idee und Patent für »Nucleus House«, ein standardisiertes vorfabriziertes Einfamilienhaus
1931 Wettbewerbssieg gegen Frank Lloyd Wright für Theaterbau mit dem »Universal Theater«
1933 »Space House«, begehbares Modell eines einstöckigen Einfamilienhauses mit modernem Lichtsystem und Einbaumöbeln. Leiter der Bühnenbildabteilung an der Juilliard School of Music
1937 außerordentlicher Professor an der School of Architecture der Columbia University , des »Laboratory for Design Correlation«. Ziel: die Verknüpfung der Erforschung von Lebensprozessen mit einer wissenschaftlichen Annäherung an das Design. 1938 erstes Produkt »Mobile Home Library«
1942 New York: im Auftrag der Galeristin Peggy Guggenheim Ausstattung der Galerie »Art of this Century«, Entwicklung neuer Präsentationsformen
für Kunstwerke
1944 Entwürfe für eine Ökologie-Ausstellung des American Museum of Natural History
1947 zusammen mit anderen Künstlern »Saal des Aberglaubens« für die Internationale Surrealistenausstellung unter Breton und Duchamp in Paris
1952 Ausstellung »Two Houses: New Ways to Build«
im Museum of Modern Art, New York, mit Kieslers »Endless House« und Buckminster Fullers »Geodesic Dome«
1959 Beginn der Planung des »Shrine of the Book« in Jerusalem, einer Aufbewahrungsstätte für die Schriften des Toten Meeres an der Hebräischen Universität zusammen mit Armand Bartos
1961 Fertigstellung des Modells »Universal Theater«
1962 »Grotto for Meditation« in New Harmony, Indiana.
1965 Eröffnung des»Shrine of the Book«.
Ende des Jahres Tod Friedrich Kieslers.