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form+zweck 18

Wohin mit den Händen?
How to Handle Hands?

 

Jörg Petruschat

Bemerkungen zum Zeichnen

 

Design, das heißt: Zeichnung. Vom Zeichnen her hat der Beruf seinen Namen. Designer inszenierten Auftraggebern Produktrealitäten, damit diese - überzeugt vom Anschein der Sache - deren Herstellung veranlassen. Nicht anders als heute bestand Design zu seinen Ursprungszeiten darin, virtuelle Realitäten zu entwerfen. Die Art und Weise der Virtualisierung von Produktrealitäten jedoch hat sich seither grundlegend verändert: Während die ersten Designer mit Stiften entwarfen und all ihr händisches Geschick darauf verlegten, auf zweidimensionalen Flächen dreidimensionale Gebilde vorstellbar werden zu lassen, legen die Designer des Informationszeitalters die Stifte aus der Hand und veranlassen CAD-Programme, Gebilde zu erstellen, die eine mathematisch exakte Vorgabe für rasche Prototypen darstellen.
In den Ursprungszeiten des Designs deuteten zeichnende Hände die Formen kommender Dinge an und werkelnde Hände formten diese Andeutungen ins Dreidimensionale aus. Das Design korrespondierte mit den Fertigkeiten der Hersteller. Heute werden die Dinge bereits in der Anschauung fertig gemacht, da der Schritt vom Zwei- ins Dreidimensionale maschinell reguliert ist.
Für die technischen Gebilde sind Designer nicht mehr Formengeber, sondern Auslöser formgebender Prozesse, Formveranlasser. Strukturell fällt die entwerfende Tätigkeit mit der von Auftraggebern zusammen - beide veranlassen formgebende Prozesse und beurteilen Formen, die anderwärts entstehen. Design verschwindet.


Design verschwindet?
Verschwindet Design, wenn die Entwerfer die Stifte aus der Hand legen und das Zeichnen verschwindet? Ist der Design-Beruf auf die eine Tätigkeit gegründet, die ihm den Namen gab? Ist Design ohne Zeichnen möglich?
Neu sind diese Frage nicht - seit Ulm ist die Zeichnung in Verruf. Erst heute jedoch sind die technologischen Möglichkeiten so reif und allgemein verfügbar, daß das händische Zeichnen verabschiedet werden kann. Was geben Designer auf, wenn sie das Zeichnen aufgeben?

Handlungskreise
Beim Zeichnen bilden das Blatt, die Hand, die den Stift hält, über Arm, Schultergürtel, Kopf, der die Vorstellung enthält, und die Augen, die auf das Blatt gerichtet sind, einen Handlungskreis. Zwischen den zeichnenden Bewegungen der Hände und den Augen, die dieses Vorgehen überschauen, ist eine Schleife geschlossen, die auf Prägnanz und Korrekturen führt. Zeichnen ist ein rückgekoppeltes Verfahren, virtuelle Realitäten aus der Vorstellung virtuos auf eine Fläche zu bringen. Dabei schärft die Zeichnung die Vorstellung, die ihrerseits das Zeichnen vorantreibt. Die Schleife des Zeichnens ist ein Schwingkreis der Erregung und einem Beobachter erscheint das Zeichnen als ein flächenvermitteltes Zeigen innerer Bilder.

 

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