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form+zweck 18

Wohin mit den Händen?
How to Handle Hands?

 

Gunnar Matschulat | Ulrich Reif

Der Taktile Interaktions-Monitor

 

In Deutschland leben etwa 155.000 Blinde; fast 500.000 Bundesbürger sind in ihrer Sehfähigkeit stark eingeschränkt. Viele von ihnen geraten aufgrund der sich immer schneller weiterentwickelnden Informationsmedien ins berufliche und soziale Hintertreffen, zumal Blinde bisher von PC-Programmen, die über die reine Textverarbeitung hinausgehen, ausgeschlossen sind. Es gibt zwar die sogenannte »Braille-Zeile«, die Informationen in die ertastbare Blindenschrift übersetzt und so DOS-Textprogramme für Blinde nutzbar macht, aber die grafisch gestalteten Oberflächen von Apple und Windows schließen Blinde bisher aus. Was für Sehende eine Erleichterung ist, bedeutet für Blinde unter Umständen eine neue Last.


Viele physikalische Ereignisse können durch die Sinnesorgane nicht wahrgenommen werden, weil sie entweder zu groß oder zu klein sind, oder weil es sich um Energien handelt, für deren Wahrnehmung der Mensch keine Sinnesorgane besitzt. Die nicht sichtbaren Seiten wahrgenommener Gegenstände werden durch Vorstellungsvermögen und Erfahrung ergänzt. Was der Mensch sieht, stimmt also niemals völlig mit der physikalischen Situation überein. Dabei spielt es keine Rolle, ob er blind oder taub oder keins von beidem ist. Die Organe liefern dem Gehirn auf keinen Fall eine Kopie der Wirklichkeit, sondern immer nur eine subjektive Wahrnehmung der Welt.
Das »Entwicklungsteam Kognition und Design« stellte sich die Aufgabe, ein Gerät zu entwickeln, das es Blinden ermöglicht, visuelle Informationen zu erkennen und zu bearbeiten.
Die Ausgangsfrage des Entwicklungsteams lautete: »Wie bildet sich die reale Welt in der Sprache ab?« Beim Sehen wird die sichtbare Realität in bildhafte Vorstellungen oder Sprache umcodiert. Das reale Bild wird also in ein gedankliches Bild vereinfacht. Sehen beruht weitgehend auf Imagination und Reduktion von Informationen.
Blinde Menschen wissen viel über die sichtbare Welt. Sie interagieren mit ihr, ohne sie jemals gesehen zu haben. Bisher sind zahlreiche Versuche, Blinden die »Bilder-Welt« mit Hilfe elektronischer Mittel zugänglich zu machen, gescheitert. Bei Blinden ist inzwischen ein Mißtrauen gegenüber derartigen Versprechungen entstanden. Vereinzelt gibt es sogar Ängste, überhaupt mit Grafiken umzugehen und das Interface stellt für Blinde eine absolute Neuerung dar.
Wir wollten ein Gerät entwickeln, das umfangreiche Bilddaten reduziert und vorstrukturiert, denn Blinde, die über keine eigenen visuellen Erfahrungen verfügen, haben nur sehr begrenzte Möglichkeiten, sich entsprechend umcodierte visuelle Daten zugänglich zu machen. Die Objektwahrnehmung Blinder ist audiotaktil. Beschreibungen weichen daher oft von der sichtbaren Objektgestalt ab.

 

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