s_fuz18_207.jpg

 

form+zweck 18

Wohin mit den Händen?
How to Handle Hands?

 

Ute Brüning

Design beginnt mit Daten. Zu Anthony Froshaug

 

Anthony Froshaug wird man hierzulande vorwiegend mit der Ulmer Hochschule für Gestaltung in Verbindung bringen. Er lehrte dort von 1957 bis 1961 und war für die Gestaltung der Hochschul-Zeitschrift »ulm« verantwortlich. Was den britischen Typographen (1920-84) mit diesen rationalen, politischen Gestaltungsansätzen verband, und was ihn davon trennte, warum er in Jan Tschichold einen Mentor fand und über ihn hinauswuchs, daß er zum Querdenker, Kritiker, Elektroniker wurde, dessen Methoden sich logisch aus ethischen Grundsätzen ergaben, geht erstmalig aus einer Londoner Neuerscheinung hervor. Robin Kinross, langjähriger Freund Froshaugs und selbst unter anderem Typograph, erschloß dessen Werk in zwei Bänden: »Typography & texts« und »Documents of a life«.

Nebeneinander im Schuber unterscheiden sich die beiden Rücken mit dem Titelaufdruck nur bei näherem Hinsehen. Matt glänzendes Schwarz und ein stumpfes, dunkles Blaugrau tauschen ihre Rollen als Karton- und Druckfarbe. Wie in einem Vexierbild bleibt offen, was als »Figur« und was als »Grund« gilt. Dem Benutzer ist überlassen, dieses Umschlagen zum Stehen zu bringen. Erst beim Hervorziehen der Bücher kommt der Name des Protagonisten, gekippt in die einmal eingeschlagene Leserichtung, am Rande zum Vorschein. Im Innentitel geben sich Herausgeber und Verlag zu erkennen, auf der letzten Seite endlich Autor und Gestalter. Bereits das Einband-Design verrät die Absicht der Publikation: Typographie & Texte sowie Lebensdokumente lassen erst im Gebrauch ein Bild ihres Urhebers entstehen. Der Verzicht auf eine Biographie rückt die Materialgruppen näher aneinander und macht sie unzertrennlich zweistimmig. Kinross ist zugleich Herausgeber, Kommentator und Designer. Sein Verlagsname »Hyphen Press« mag für die Zusammenlegung dieser Funktionen stehen. Ob die Reihenfolge, in der Kinross seine Eingriffe ins Oeuvre Froshaugs zu erkennen gibt, eine Rangfolge ist, bleibt eine Frage, die dieser Doppelband hinterläßt.

Kinross übergibt uns keine bequeme Monographie, sondern eine Art kommentiertes Archiv. Exemplarisch ausgewählt und wohlgeordnet, ist diese Publikation in ihrer konsequenten editorischen und gestalterischen Enthaltsamkeit geradezu ein Gegenprogramm zum schnellen Konsum. Warum? Froshaug war ein Outsider. Er beschäftigte sich mit dem »faktisch Gegebenen«. Er sortierte es - oft nach Deweys Kategorien - und untersuchte die entstandenen Relationen mit mathematisch anmutenden Methoden, um daraus die visuelle Ordnung abzuleiten. Als Typograph folgte er dem gestaltpsychologischen Credo, es handele sich bei der Satzanordnung für einen gegebenen Inhalt um einen Übersetzungsprozess in eine andere Sprache. Auch als »Programmierer« von Editionen, Designkursen oder Computern nahm er die »Isomorphie« zu Hilfe - das Auffinden von Ähnlichkeiten in Form oder Struktur verschiedener Zeichensysteme, um einen Sachverhalt in die klarste, dem Sinn angemessenste Form zu fassen. »Modernisierung« bloßer Erscheinungsformen lag ihm somit fern. Es war die standardisierbare Seite der Gestaltung, die ihn besonders interessierte. Seine Startposition ins Design: »Admit constraints: then, having admitted, fill with discovery.« Seine Wirkung: ein Störenfried.

 

... lesen Sie weiter in form+zweck 18: Wohin mit den Händen? ...