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form+zweck 18

Wohin mit den Händen?
How to Handle Hands?

 

Andreas Ulbricht | Jörg Petruschat | Chup Friemert

Essentials: Ontogenese, Tasten und Greifen, Gebärde, Werkzeuge

 

Das wichtigste Sinnesorgan eines Neugeborenen ist der Mund, worauf der Begriff des Säuglings hinweist. Die Geschmacks- und Tasterlebnisse des Mundes sind neben denen des Geruchssinnes die ersten eindrucksstarken Empfindungen. Die meisten anderen Reize wirken sich anfangs nur störend aus und werden mit Unlustreaktionen beantwortet. Die orale Zone bildet den Ur-Raum des Kindes. Die Hände agieren anfangs als Hilfsorgane des Mundes, führen alles, was sie fassen können, dem Mund zur Prüfung zu.
(A. Ulbricht: Das menschliche Maß - die Hand, Hamburg 1988)

Mund und Hand haben für das Verhalten des Säuglings größere Bedeutung als die Augen. Durch die ständige Bewegung der Hände und Finger entwickelt sich die gezielte Motorik. Während die Finger anfangs nur im Verband wirken, differenziert sich in den ersten Monaten die Beweglichkeit einzelner Finger, im dritten Monat tritt der Daumen beim Greifen in Opposition. Allmählich erschließt sich dem Kind die ganze Bewegungsvielfalt, das Spreizen, das Zusammenballen, Bewegungen der einzelnen Fingerglieder sowie die Beweglichkeit der Hände zu- und miteinander. Ab dem 6. Monat beginnt das Kind vorsätzlich zu greifen, wobei der Gegenstand im Lauf der Zeit aus dem Innern der Hand, mit dem er anfangs ergriffen wird, zu den Fingerspitzen, schließlich zwischen Zeigefinger und Daumen wandert. Allein das Erlernen dieses Ergreifens erstreckt sich über ein Jahr.
(A. Ulbricht: Das menschliche Maß - die Hand, Hamburg 1988)

 

Auf der "Entlastung" der Hand durch das Auge basieren kulturgeschichtliche Prozesse. Nur weil die Augen das Begreifen zu substituieren vermögen, können händische Erkundungs- und Schaffensprozesse aus den Zentren gesellschaftlichen Lebens verschwinden. Tatsächlich entstammen die Modelle, nach denen heute die Wirklichkeit sortiert wird, nicht den Händen, sondern audiovisuellen, symbolischen Ordnungen. Das Scannen ist zur Metapher für heutiges Wahrnehmen rangiert. Im Scannen ist das systematische Abtasten von Oberflächen auf die Ebene einer systematischen Reflexion energetischer Zustände gebracht.
(J. Petruschat)

 

Immer fiel es mir schwer, mit dem Fuchsschwanz oder der Bügelsäge zu sägen. Kein Schnitt gelang leicht, ich konnte das Werkzeug nicht gut genug führen. Entweder hielt ich es zu fest in der Hand und das Sägeblatt verkantete, oder ich hielt die Säge zu leicht und verschnitt. Die japanische Säge war die Rettung: Der Schnitt gelingt mir, die Körperhaltung, welche die Arbeit mit der japanischen Säge erzeugt, entspricht eher meinem Habitus. Der Unterschied ist deutlich: Die Atmung beim Fuchsschwanz ist: Der Stoß, das heißt Abtragen - , das Sägen erfolgt mit dem Ausatmen, dann also, wenn der Körper, mindestens die Schulter sich nach vorne bewegt. Der Schnitt mit der japanischen Säge hingegen wirkt beim Einatmen, begleitet von der erwartenden Kontrolle des Schneidens, auf den Körper zu. Seit ein paar Jahren könnte ich wagen, die Gesellenprüfung im Tischlerhandwerk zu versuchen, denn nach Auseinandersetzungen hat auch ein bundesdeutscher Tischler die Erlaubnis, seine Arbeit mit einer japanischen Säge zu verrichten.
(Chup Friemert)


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