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form+zweck 18:

Wohin mit den Händen? How to Handle Hands?

 

 

Axel Kufus

Wie kann ich etwas einfacher machen?

 

form+zweck
Bist Du ein Genußmensch? Was ist Dir Genuß?

Axel Kufus
Ich genieße Eleganz. Sie ist ja schwer zu finden und noch verzwickter, zu erzeugen, wenn es nicht von ganz allein passiert. Ob von Ästhetik, Schönheit oder auch der Suche nach der Weltformel die Rede ist, immer, wenn etwas aufgeht oder gelingt, stellt sich eine Art von Eleganz ein. Aber es muß nicht unbedingt mir etwas gelingen, sondern wenn ich teilhaben kann an einem Prozeß, der gelingt - zum Beispiel an einer eleganten Bewegung, die abläuft - so etwas genieße ich sehr.

form+zweck
Wenn Genuß, wie Du sagst, Teilhabe an einer eleganten Bewegung bedeutet, dann betonst Du den Vorgang - die gelingende Bewegung. Im Design haben wir es oft mit Zuständen, Produkten, zu tun - seien sie nun Endpunkt eines Entwurfs oder Ausgangspunkt eines Gebrauchs. In welchem Sinne würdest Du von einem gelungenen Produkt sprechen?

Axel Kufus
Ein gelungenes Produkt löst Bewegung aus. Zum Beispiel beim Regal FNP. Es scheint gelungen. Alles paßt sehr gut zusammen. Damit meine ich nicht nur die konstruktive Verbindung, sondern auch die Arbeitsvorgänge bei der Herstellung, Verpackung und Transport, Aufbau und Abbau. Das sind in sich zusammenhängende Prozesse, die immer wieder funktionieren, auch nach 12 Jahren noch. An diesem Regal sind viele beteiligt und es scheint ihnen damit gutzugehen. Denen, die es haben und denen, die es herstellen. Schöne Dinge müssen einen schönen Weg haben, vor sich und hinter sich.

form+zweck
Wir haben ein Buch entdeckt, das für Gestalter wunderbar ist: Frank R. Wilson »Die Hand«. Es ist voller Geschichten von Kranführern, Jongleuren und Klavierspielern. Wilson fragt darin unter anderem, worauf menschliche Intelligenz - also die Fähigkeit, Probleme zu lösen - beruht. Wilson meint, menschliche Intelligenz sei gebunden an manuelle Fertigkeiten, entwicklungsgeschichtlich komme sie von dort her. Wir würden folgerichtig denken, weil wir folgerichtig handeln. Würdest Du diesen Konnex von Denken und Handeln aus Deiner entwerferischen Arbeit her bestätigen? Denkst Du mit den Händen?

Axel Kufus
Genauso kommt es mir häufig vor. Im Moment arbeite ich sehr viel aus der Erinnerung, weil ich keine Schreinerei mehr habe. Meine entwerferische Tätigkeit ist gegründet auf Erlebnisse in der Schreinerei und auf meiner Neugier, Dinge auszuprobieren. Immer wieder geht es um die Frage, wie kann ich etwas einfacher machen? Die Mühsal des Herausschnitzens, wenn es umís Möbelbauen geht, das liegt mir nicht. Ich versuche, die einfachen Wege zu finden, was zunächst sehr kompliziert ist. Dabei versuche ich nicht, mich gegen die Welt zu stellen, sondern mit der Welt zu arbeiten. Das Verrückte ist, daß so etwas meist gegen den Mainstream läuft.
Ich hatte ein wunderbares Erlebnis: Vom Schreibtisch aus sah ich eine alte Bäuerin, die dicke Runkelrüben mit einer dreizackigen Gabel von einem großen Haufen über eine Blechrinne in ein Kellerloch bugsierte. Fast ohne sichtbare Bewegungen und völlig mühelos ging sie mit diesen schweren, unhandlichen Rüben um, so erfahren war sie, so »intelligent«. Ich hätte sicher die vielfache Zeit gebraucht und wäre naßgeschwitzt gewesen. Das ist mir bei Handwerkern und Leuten, die mit Material umgehen, sehr häufig aufgefallen: Kopf und Hand sind oft sehr nah zusammen.
In der eigenen Werkstatt war ich immer darauf aus, Arbeitsabläufen eine Mühelosigkeit zu geben. Ich konnte nicht mit ansehen, wie jemand zu Boden geht und auf den Knien rutschend Platten zerteilt, nur weil er mit der Arbeit gleich fertig sein wollte. Das Was und das Wie mußten einfach gut zueinander passen.
Damit war und bin ich auch ein ziemlich langsamer Arbeiter. Ich überlege erstmal, baue mir lieber eine Vorrichtung und habe Spaß daran, die Situation so auszurichten, daß es mit einer Leichtigkeit funktioniert.
Das sind Erfahrungen, die man mit den Händen macht, die über den Kopf wieder zurückgehen in die Hände. Jetzt bin ich mit den Händen nicht mehr beteiligt, verfüge aber über ein großes Vorstellungsvermögen wie Material bearbeitet werden kann, wie eine Konstruktion funktioniert, wie etwas zusammengesteckt werden kann, wie es sich verhält. Ich versuche mich tief hineinzuversetzen in einen Vorgang oder eine Situation, also selbst Tür oder selbst Scharnier zu sein.

 

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