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form+zweck 18

Wohin mit den Händen?
How to Handle Hands?

 

 

Frank-R. Wilson

Wozu sind Klaviere da?

 

form+zweck
Welche Gründe gab es für Sie, das Thema »Hand« so ausführlich auszuarbeiten?

Frank R. Wilson
Ich erinnere mich ganz genau an den Zeitpunkt, an dem ich zum ersten Mal begriff, wie fantastisch Hände sind. Ich beobachtete meine Tochter, die sich am Klavier auf eine Schüleraufführung vorbereitete. Sie war zwar erst 12 Jahre alt, aber bereits eine vielversprechende junge Pianistin. Sie befasste sich mit Chopins »Fantasie Impromptu«, einem absoluten Lieblingsstück für Teenager, die ihre Liebe für das Klavier entdeckt haben. Ich erinnere mich daran, wie ich gerade den Raum durchquerte, in dem sie übte, und wie mir plötzlich ihre Hände so ins Auge fielen, als sähe ich sie zum ersten Mal. Ihre Finger bewegten sich so schnell, daß ich sie nur ganz verschwommen wahrnehmen konnte. Dieses Bild berührte mich und ließ mich innehalten - in jenem Augenblick stellte ich mir die Frage »Wie schafft sie es bloß, ihre Finger derart schnell zu bewegen?«; für einen Neurologen war diese Frage überwältigend, so als sei gerade ein Meteorit in unser Haus eingeschlagen. Der Kosmos selber hatte mit mir gesprochen und meine Aufmerksamkeit eingefordert. Seither versuche ich zu verstehen, weshalb Menschen ihre Hände so gut beherrschen, und auch wieso Hände so wichtig für die Art und Weise sind wie wir unser Leben führen.

In den folgenden Jahren - was etwa 20 Jahre her ist - begann ich, Musiker zu behandeln, und ich begriff bald, dass es erforderlich war, über die üblichen Untersuchungen der Muskel-, Nerven- oder Gelenksfunktionen hinauszugehen, sobald man Musikern bei Handbeschwerden helfen wollte. Die blosse Diagnostizierung einer Zerrung oder Nervenläsion reichte nicht aus - man musste auch Einiges über den persönlichen und beruflichen Hintergrund des einzelnen Musikers wissen. Denn oft liegen bei einem Geiger oder Gitarristen sowohl die Ursachen als auch die Folgen einer Handverletzung im Verborgenen. Wann und weshalb hatten sie beschlossen, Musiker zu werden? Auf welche Weise hatten ihre Familien dabei geholfen, oder nicht? Wie einflußreich waren ihre Lehrer gewesen? Wie kamen sie mit Musikern zurecht, mit denen Sie gemeinsam spielten? Man ahnt nicht, worauf solche Fragen hinauslaufen, aber ohne sie erreicht man überhaupt nichts.

Der nächste metaphorische Meteor schlug 1989 in Düsseldorf ein. Ich hatte bereits mit der Arbeit an meinem Buch begonnen, mit dem ich damals noch Musikern die Mechanik (anatomische Funktionsweise) der Hand näherbringen wollte. Ich wollte den Lesern dieselbe Ehrfurcht einflößen, die jeden erfasst, der zum ersten Mal unter die Haube eines Porsches oder Maseratis schaut. Ich wollte die Haube über der unsichtbaren Hand hochheben, um ihnen zu zeigen »Das bringt sie in Gang!«

Ich lernte aber Anton Bachleitner, den Leiter des Düsseldorfer Marionettentheaters kennen und beging den Fehler, ihn zu fragen, wie er angefangen habe sich für Puppen zu interessieren. Er erzählte mir eine zauberhafte Geschichte über die erste Puppenbühne, die er in seiner Heimat, Baden Baden, gesehen habe. Es war mehr oder weniger die gleiche Geschichte die ich schon seit Jahren von Musikern hörte: Bereits in jungen Jahren wusste er, dass dies sein Traumberuf war. Er entwickelte eine starke Zuneigung für den Besitzer des Puppentheaters. Der gestattete es ihm, in der dortigen Werkstatt zu arbeiten, lehrte ihn das Schnitzen und Malen, das Führen der Puppen, und wie er die Bühne durch die Augen der Puppen zu betrachten habe.

Jeder der außergewöhnlich handwerklich begabten Menschen, denen ich begegnet bin, hat eine ähnliche Geschichte vorzuweisen, in der ein wohlwollender Erwachsener zum Mentor geworden war.

Ich beschloss, diese Lebenslust, die aus der Begeisterung für ein Handwerk schöpft, zum Stoff meines Buches zu machen. Diese Fähigkeit, mit der manche Leute, ein bloßes handwerkliches Talent ausbauen, um dann ein schöpferisches Arbeitsleben voller Liebe zu führen, beruhte auf mehr als auf flinken Händen, oder flexiblen Gelenken, oder gar dem Gehirn. Hier lag offensichtlich ein biologisches Programm, ein genetischer Auftrag für eine besondere Lebensleistung vor, die allein dem Menschen eigen ist. Sobald ich das begriffen hatte, konnte ich nicht mehr aufhören, mich mit Händen zu beschäftigen.

 

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